Trauerspiel in drei Aufzügen:

Politik, Schuldbewusstsein und Dichtung

HaushoferHashofer Sonette

Erstmals sind es “nur” hundert Jahre her, seitdem 1914 jene Kriegshandlungen in Europa anfingen woran sich dann bald oder später andere Staaten auch beteiligten, lies Japan und USA. Heutzutage (2014) sind noch Leute am Leben, deren Eltern damals dort ihren Militärdienst verrichteten bzw die Folgen davon mittrugen. Man nannte es den Ersten Weltkrieg als man schon vor der Tür oder inmitten des Zweiten stand. Beide zusammen können als eine neue Phase des mächtigen zwischenimperialistischen Streites betrachtet werden, der sich im neunzehnten Jahrhundert anbahnte und dann im zwanzigsten seine volle Zerstörerkraft darlegte. Darüber sind Bibliotheken und Archive genügend assortiert und täglich kommen neue Beiträge dazu.

Einen der theoretischen Versuche, die schon um 1870 zur Erkundigung und Erklärung der immer frisch wiederaufkommenden Konflikte im europäischen Raume vorgelegt wurden, und nicht nur in Deutschland, nannte man Geopolitik. Die Bezeichnung wurde wahrscheinlich von R.Kjellen geprägt. Ein deutscher Geograph, Heeresoffizier und Hochschullehrer namens Karl Haushofer (1869-1946) nahm sich jener Studien an und ergänzte sie, nach Ratzels Vorspuren, mit der Lehre des für jedes Volk notwendigen Lebensraumes. Dies war vielleicht besonders auf die Agrarvehältnisse Japans und Deutschlands anwendbar, klang aber schon wie vernächtet als Mitteleuropa allmählig (und sogar manchmal rasch) in Richtung einer Industriewirtschaft umsteuerte. Das Verhältnis zum jungen Putschist Rudolf Hess brachte Karl Haushofer trotzdem kein konflikloses Leben mit den regierenden Nazis, und dies galt ihm, vom Nürnberger Gerichtshof freigesprochen zu werden. Doch 1946 beging er Selbstmord.

In Argentinien weniger bekannt war einer seiner Söhne, Albrecht Haushofer, geb 1903, der in den mittleren Stufen der nationalsozialistischen Gewissenshierachie, als Akademiker und im Auswärtigen Amt tätig wurde. Diesem Haushofer ist der hier übersetzte Artikel gewidmet; zwar nicht seiner vollständigen Existenz, weder dem Einfluss, die zwei Weltkriege und sein elterliches Milieu ihm womöglich eingeprägt hätten. Hier wird sein persönliches Schicksal nur oberflächlich durchlauscht, soweit es unumgänglich scheint, um das Drama eines Menschen zu erfassen, der manches dazu beigetragen hat, damit Hitler an die Macht kam und der zweite Weltkrieg ausbrach. Dies hat er nie verleugnet, doch fühlte er sich schuldig dafür, dass er seine Arbeit und seine Ideen unwürdigen Personen und einem kriminellen Regime zu Verfügung gestellt hat. Jene Schuld erkennt er ganz und gar wenn er sich denen anschließt, die ein solches Regimen abzuschaffen versuchten als es ihnen einleuchtete, es würde die deutsche Nation vielleicht für immer in den Abgrund stürzen.

Die verspätete Kehre enthebt ihn nicht seiner vorigen Verantwortung; auch nicht, wenn mehrere seiner Landesgenossen und sogar seiner früheren Gegner ihn als einen Helden des Widerstandes halten. Den Verdienst, um in diesen Zeilen erwähnt zu werden, gewann sich Albrecht Haushofer durch seine letzten, im berliner Moabit-Gefängnis geschriebenen Gedichte, die Moabiter Sonette. Vor welchen Richtern dachte er sich, seine geschmälerte Schuld vorzutragen? Vor den nazistischen Richtern oder vielleicht vor den nicht minder erbarmungslosen Richtern der Besatzungsmächte? Vor keinem Gericht gelang es ihm zu erscheinen. Es wollte sein Missgeschick, dass er aus dem Gefängnis direkt in die Hände seiner Henker fiel. Vielen in allen Zeiten ist es ähnlich ergangen. Ihn traf es am 15 April 1945, als sovietrussische Truppen und Waffen den Rest der einst glänzenden Reichshauptstad zertrümmerten.

Über Albrecht Haushofers Leben und Schicksal gibt es überall genügend Auskunft ; dies berechtigt uns dazu, nicht näher darüber zu berichten . Vielleicht werden noch weitere Schriften von ihm gefunden und veröffentlicht. Es liegt uns fern, zu prophezeien, welche davon – einschliesslich der Gedichte – in der deutschen Literatur Aufnahme finden werden. Diese Aufzeichnung soll nur dazu dienen, zum lesen und durchdenken dieser Gedichte anzuregen. Wenn möglich, im deutschen Originell . Die aus Spanien und spanischsprechenden Ländern stammenden Übersetzungen scheinen uns immer mangelhaft; jede Übertragung, besonders die von Poesie, ist grundsätzlich anfechtbar. Davon nicht ausgenommen, diejenige die ich aus “sportlicher Selbstherausforderung” an der Stelle  http://reyaller.wordpress.com  gewagt habe.- Carlos Haller, Jenner 2014, in Mar del Plata.-

Schuld

 Ich trage leicht an dem, was das Gericht

mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen.

Verbrecher wär‘ ich, hätt‘ ich für das Morgen

des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.

Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt,

ich mußte früher meine Pflicht erkennen,

ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen –

mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt …

Ich klage mich in meinem Herzen an:

Ich habe mein Gewissen lang betrogen,

ich hab mich selbst und andere belogen –

ich kannte früh des Jammers ganze Bahn –

ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar!

Und heute weiß ich, was ich schuldig war

Untergang

Wie hört man leicht von fremden Untergängen,

wie trägt man schwer des eignen Volkes Fall!

Von fremden ist’s ein ferner Widerhall,

im eignen ist’s ein lautes Todesdrängen.

Ein Todesdrängen, aus dem Haß geboren,

in Rachetrotz und Übermut gezeugt –

nun wird vertilgt, gebrochen und gebeugt,

und auch das Beste geht im Sturz verloren.

Daß dieses Volk die Siege nicht ertrug –

die Mühlen Gottes haben schnell gemahlen.

Wie furchtbar muß es nun den Rausch bezahlen.

Es war so hart, als es die andern schlug,

so taub für seiner Opfer Todesklagen –

Wie mag es nun das Opfer-Sein ertragen …

In Fesseln

Fur den, der nächtlich in ihr schlafen soll,

so kahl die Zelle schien, so reich an Leben

sind ihre Wände. Schuld und Schicksal weben

mit grauen Schleiern ihr Gewölbe voll.

Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt,

ist unter Mauerwerk und Eisenglittern

ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern,

das andrer Seelen tiefe Not enthüllt.

Ich bin der erste nicht in diesem Raum,

in dessen Handgelenk die Fessel schneidet,

an dessen Gram sich fremder Wille weidet.

Der Schlaf wird Wachen wie das Wachen Traum.

Indem ich lausche, spür´ ich durch die Wände

das Beben vieler brüderlicher Hände.

Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

3 Gedanken zu „Trauerspiel in drei Aufzügen:

  1. „Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
    In Leichenfeldern schließt sein stolzer Lebenslauf,
    und Elend, unermeßbar, steigt herauf“
    (A. Haushofer, 1945)
    Wie gut hätte es dem deutschen Selbstbewusstsein in den Jahren nach dem Krieg getan, hätte es mehr Eingeständnisse wie die von Albrecht Haushofer gegeben! Er konnte vor keinem Richter mehr erscheinen, richtete sich aber selbst in Form der Moabiter Sonette. Die eigene Schuld, am Nationalsozialismus mitgewirkt zu haben ohne zu zweifeln und zu warnen, konnte sich nicht jeder eingestehen. Aus meiner Sicht bildet die poetische Verarbeitung dieser Tragödie einen Abschluss in Wahrheit und Demut, der man nur mit Hochachtung begegnen kann.

    • Richten, beschuldigen, Schuld bekennen, Schuld vergeben-
      all das sind Themen, mit denen sich der Verfasser des Artikels
      beruflich auseinandergesetzt hat. Mich würde daher deine Meinung interessieren Carlos, hätten die Befreier nach dem Krieg ihn verurteilen können, wie wäre wohl die Haltung der KZ
      Insassen gewesen…. würde eine Strafe sinnvoll sein für jemanden, der wahrhaftig bereuen kann?

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