Einfühlung – schönstes Wort

sentimental

sentimental

In ihrer gesellschaftlichen Ausbreitung erfüllen die Sprachen verschiedenartige Funktionen: als Verbindungsmittel, als Ausdruck von menschlichem Fühlen und Denken, als Werkzeug und Grundstoff der Dichtung, des Erziehens, der Werbung… und manch anderer Künste. Was uns aber als Sprache am unmittelbarsten vorerscheint sind die Wörter als Gegenstände der Sinneswahrnehmung in Klang und Schrift. Meistens knüpft sich ein Sinn oder eine Bedeutung daran, sogar mehrere Bedeutungen.
Das tonartige Auftreten eines Wortes ergibt oft die emotionell gefärbte Reaktion darauf: es missklingt uns oder klingt genussvoll als sinnlicher Eindruck, ungeachtet seines mehr oder weniger edleren Begriffes. Darauf bauen wir manchmal eine ästhetische Bewertung des Wortes, die leicht auf seine konzeptuelle Bedeutung abfärbt. So konnte abermals eine deutsch geschriebene Zeitschrift die Umfrage aufstellen, welches das„schönste Wort der deutschen Sprache“sei. Weit von der Gelegentheit entfernt, jene Frage zu beantworten , dachte ich hin und wieder daran und schrieb endlich diesbezüglich folgenden Aufsatz:
Das schönste Wort der deutschen Sprache dürfte m.E. Einfühlung sein, wenn wir von Dornröschen, Schmetterling und Bienenstich absehen. Doch wahrscheinlich leitet sich das „Schöne“ der drei letzten von ihren Bedeutungen ab, und nicht vom ausgesprochenen Laut.
Einfühlung hatte mir meine deutschsprechende Mutter auf der argentinischen Pampa eingeprägt, als ich sieben Jahre alt wurde und im Begriff war, in Quilmes al Primaner die Volksschule zu beginnen. Da mir dieser Anfangsschritt einige Sorgen und sogar Angst bereitete, und meine Eltern mit den hiesigen Schulverhältnissen nicht vertraut waren, tröstete mich Mutti mit den Worten: „Bei den Fächern musst du halt büffeln, aber deiner Lehrerin und deinen Schulkameraden kannst du immerhin mit feinster EINFÜHLUNG  entgegenkommen…“
Ob Mama und ich selbst die Tragweite, den Anwendungsbereich und die Herkunft dieses Begriffes erahnten, ist wohl zu bezweifeln. Nie hatten wir von Robert Vischer weder Wilhelm Worringer, noch von Kunsttheorie, etwas zu hören bekommen. Die fleissige Hausfrau, die gütige Mutter hat den Ausdruck sicherlich in ihren Jugendjahren einige Male bei zufälligen Gesprächen wahrgenommen und danach im Herzen behalten, bevor er wieder im Gedächtnis auftauchte. Sein Sinn musste aber für sie sowie für mich aus dem schlichten Wortbau durchleuchten, denn fortan war er mir klar und lud mich immer dazu ein, in jener Stimmung die menschliche, natürliche und Kunst durchdrungene Umgebung zu begegnen.
Als ich die ersten Versuche des geschriebenen Übersetzens unternahm, fiel mir zugleich die Trefflichkeit als auch das Wohlklingen des Wortes „Einfühlung“ auf, sowie seine Einmaligkeit in verwandten Begriffsbereichen anderer europäischer Sprachen. Zwar rückt in diesem Sinnes Reichtum der anfangs nur ästhetische Aspekt in den Hintergrund, wohl zu Gunsten des psychologischen oder soziologischen. Denn Einfühlung benötigen wir nicht nur um Kunsterscheinungen zu deuten, sondern vielmehr auch um die Leiden, Sorgen und Freuden anderer Personen und anderer Völker mitzufühlen, womöglich auch an der Behebung ihrer Lasten mitzuhelfen… wenn schon es uns nur selten gelingt.
Einfühlung lässt nicht nur unsere Wahrnehmungslust wachwerden; sie bereitet auch das Vorstellungsvermögen, um den Nächsten aus seinem eigenen Kern zu erkennen, mit ihm Verbindung anzuknüpfen bzw. herzustellen, die gemeinsame Dialogbasis zu begründen: also ein mehrspuriger Prozess.. Somit kommt man dem Frieden zwischen Völkern und Ländern einige Schritte näher, denn Politik besteht nicht immer aus Kampf und Verfeindung.
In dem guten, schönen Wort„Einfühlung“waltet ein „Fühlen nach innen“, welches beinahe einem behutsamen Tasten gleichkommt, einem seelischen Berühren das Tieferes wagt als nur das sinnliche Haut abküssen. Auch zeugt Einfühlung von Liebe und Vertrauen sowie von Beständigkeit im Streben nach akkurater (wenn auch oft unmöglicher) Wieder- und Weitergabe der Sinn Bedeutung  so mancher deutscher Wörter, von denen das hier ausgelesene sehr dürftig mit den spanischen Vokabeln „empatía“, „endopatía“ oder „intuición emocional“ übersetzt werden könnte.-
Carlos Haller, im September 2014
Spanische Übersetzung auf Seite http://reyaller.wordpress.com/2014/09/14/einfuhlung-bella-palabra-noble-concepto/
worring-abstractionworringerW.Worringer
Oben angezeigter Post ist als selbständiger Aufsatz zu verstehen und hat wenig zu tun – ausser dem Titel – mit der wissenschaftlichen StudieAbstraktion und Einfühlung, die Worringer 1907 im engen Kreise seiner Freunde bekanntgab. Darin galtdie Einfühlung als historisch spätere Form des„aesthetischen Genusses als objektivierten Selbstgenuss“, währenddie historisch frühere Abstraktionden„aesthetischen Genuss als Abwehr von Angst“ bezeichnete. Kunst auf der untersten Entwicklungsstufe der Menschheit in der Ur- und Frühgeschichte sei keine lustvolle Naturnachahmung, sondern eine geometrisch abstrakte Zeichensprache gegen die Naturnachahmung. Naturnachahmung als Kunstform sei erst nach langer historischer Vertrautheit mit und allmählicher Einfühlung in die umgebende Natur möglich geworden.
Am Anfang stehe eine Kunst der Abstraktion, die mit geometrischen Mustern, lebensverneinen der Anorganik und kristallinen Mustern arbeitet. Klassisches Beispiel ist die ägyptische Pyramide. Der Sinn einer solchen Kunst und der Grund ihrer Schaffung und ihres „Genusses“ liege darin, dass sie dem „Urmenschen“ eine Möglichkeit biete, der bedrohenden, undurchschaubaren und gefahrvollen Naturumgebung eine Welt abstrakter, kontrollierbarer Gesetzmäßigkeit entgegenzusetzen und in dieser Entäußerung Ruhe und Glück zu finden. Dem klassischen griechischen eins sein mit der Welt (Einfühlung) stehe die dualistische Trennung von Geist und Materie, von Diesseits und Jenseits als Transzendenz gegenüber (Abstraktion).
Die zur Angstbewältigung durchgeführte Aufteilung der Realität in zwei Gegenwelten, in Diesseits und Jenseits, in Abstraktionskunst und reale Natur, bedinge eine spezifische Problematik, die in der Psychologie Ähnlichkeit zu Verarbeitungsformen der frühen Kindheit aufweise. “Der Abstraktionsdrang steht … am Anfange jeder Kunst und bleibt bei gewissen auf hoher Kulturstufe stehenden Völkern der herrschende” –so schrieb damals Worringer in seinem danach berühmt gewordenen Aufsatz.
Worringer verwarf die auf “Einfühlung” oder Natur-Nachahmung begründete Theorie der Kunst und erklärte, “dass das Kunstwerk als selbständiger Organismus gleichwertig neben der Natur und in seinem tiefsten, innersten Wesen ohne Zusammenhang mit ihr steht”. Für Worringer hängt die Einfühlung mit dem dreidimensionalen Raum zusammen, während sich Abstraktion auf die flache, ebene Oberfläche bezieht. Einfühlung ist individuell, Abstraktion kollektiv. Einfühlung ist naturalistisch, Abstraktion ist Stil. Einfühlung ist organisch, Abstraktion anorganisch. Wo die Einfühlung Kurven liebt, bevorzugt die Abstraktion die direkte, gerade Linie. Einfühlung ist ein optischer, Abstraktion ein taktiler Vorgang. Und Einfühlung ist Griechenland, Abstraktion Ägypten. Für Worringer geht es bei griechischen Tempeln um Einfühlung, die ägyptischen Pyramiden bilden für ihn hingegen die Summe der Abstraktion. Sei dieser Vermerk nur als Abgrenzung zum Begriff “Einfühlung” dienen, so wie er oben in Carlos Hallers Beitrag gemeint ist.

Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

Ein Gedanke zu „Einfühlung – schönstes Wort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.