Stammtisch -was ist das ?

Stammtisch KennungStammtisch –da wird nur getrunken?

Ein Stammtisch ist sowohl eine Gruppe von mehreren Personen, die sich regelmäßig in einem Lokal trifft, als auch der (meist größere und oft runde) Tisch, um den sich diese Gruppe versammelt. Stammtische sind nicht organisierte Treffen und daher nur ein freiwilliger, aber doch verbindlicher Zusammenschluss von Teilnehmern.

Der Tisch wird traditionell durch ein mehr oder weniger aufwendig geformtes Schild gekennzeichnet und ist damit für die Stammtischrunde reserviert, die sich in regelmäßigen Abständen dort trifft. Im Mittelpunkt einer solchen Stammtischrunde stehen das gesellige Zusammensein, Kartenspiel und oft auch politische oder philosophische Diskussionen.

 Ein kreativer Ort

Eine der mächtigsten meinungsbildenden Institutionen in Deutschland ist aus dunkel gebeizter Eiche gefertigt und mit Bierdeckeln gepflastert: der Stammtisch, ein Tisch in einer Kneipe, der für die häufig einflussreichen Stammgäste reserviert ist.

Den größten Einfluss haben die Stammtische auf dem Land, in den Dörfern, in denen die Kneipe immer noch im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens steht. Hier sitzen üblicherweise der Bürgermeister, der Förster, der Apotheker – selbst zu Zeiten Wilhelm Buschs saß in dessen Bildergeschichten ein „Herr Apotheker Pille“ am Stammtisch – und der Besitzer einer Baufirma am Sonntag nach der Kirche beim „Frühschoppen“ und mindestens an einem Abend unter der Woche zusammen, um Karten zu spielen und die Angelegenheiten des Dorfes zu besprechen. Ihr Tisch ist mit einem Metallzeichen mit der Aufschrift „Stammtisch“ reserviert, das manchmal an den mittlerweile überflüssigen Aschenbecher gelötet war und ahnungslosen Gästen signalisiert, sich lieber woanders hinzusetzen. Hier wird das jährliche Dorffest geplant, hier werden die finanziellen und sportlichen Probleme des örtlichen Fußballvereins analysiert. Diese Besprechungen sind größtenteils Männersache, doch haben auch Frauen oft einen eigenen Stammtisch. In den Städten treffen sie sich immer mittwochs in dem sicheren Wissen, dass ihre Männer vorm Fernseher gebannt die Fußballspiele der Champions League verfolgen.

Doch geht die Diskussion gewöhnlich irgendwann über lokale Belange hinaus und wendet sich der Politik auf nationaler Ebene zu, und die am Stammtisch vertretenen Ansichten breiten sich später in den Gemeinden aus. Die Sozialdemokraten vermuten, dass der traditionelle Stammtisch eine höchstkonservative Angelegenheit sei und man sich dort immer für eine strengere Durchsetzung von Recht und Ordnung (an den Stammtischen in den Dörfern ist manchmal auch der Leiter der örtlichen Polizeistation vertreten), starke Politiker und gegen Einwanderer aussprechen werde.

Meine Erfahrungen mit Stammtischen im Rheinland und in Berlin können dieses Urteil nicht bestätigen. Dieser Tisch in der Ecke der Kneipe (immer die wärmste Ecke, niemals in der Nähe der Toilette) kann ein kreativer Ort sein, wo mit Ideen gespielt wird, bevor diese offiziell auf die politische Agenda der Gemeinde gesetzt werden. Vielleicht diskutieren der Arzt und der Apotheker zwischen zwei Skatrunden darüber, wie sie Rheumapatienten in ihrem Stadtteil helfen können, klagen über die Mängel der nationalen Gesundheitsreform oder überreden gemeinsam jemanden vom Rathaus, eine AIDS-Aufklärungswoche durchzuführen. Vielleicht sitzt jemand vom Vermessungsamt mit einem Geschäftsmann am Tisch, und die beiden tauschen Ideen aus, wie man den Müll der Stadt entsorgen könnte, unterhalten sich über die Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt oder die neuen Vorschläge der Regierung zur Unternehmenssteuer.

Grundsätzlich gilt, dass man am Stammtisch offen reden kann, und daher wirkt er sich fast immer positiv auf das Gemeindeleben aus und umgeht bürokratische Hürden.

Meinungsschmieden an der Basis

Heute bestimmen Stammtischrunden in Düsseldorf und Köln die politische Ausrichtung des Karnevals, lange bevor darüber in den einer breiteren Öffentlichkeit zugänglichen Karnevalsvereinen diskutiert wird. Das ist gar nicht so unbedeutend. Kann man, sollte man sich auf einem Festzugswagen über den Islam lustig machen? Kann man während des Festzuges – bei dem normalerweise deutsche Führungspersönlichkeiten auf die Schippe genommen werden – Barack Obama parodieren, ohne als Rassist zu gelten? Für den Außenstehenden mögen die Stammtisch-Trinker (Es muss nicht Bier oder gar Wein sein: Ich war bei einem Stammtisch, bei dem wir nur Cola getrunken haben.) politische Laien sein. Doch zeichnen sich diese Meinungsschmieden an der Basis häufig durch ein hohes Politikverständnis aus. Und nur, weil es sich um pragmatische Menschen handelt, bedeutet das nicht, dass sie sich Veränderungen widersetzen. Man muss sich nur daran erinnern, dass einer der bedeutendsten Stammtische in der Vergangenheit der sogenannte „Verbrechertisch“ war, der die ehemaligen Revolutionäre von 1848 in Leipzig vereinte, und dass Karl Marx und Friedrich Engels vor 1848 dem Berliner Stammtisch „Die Freien“ angehörten.

Soziologen reden davon, dass das Internet, Blogs und Twitter das Wahlverhalten der Menschen zunehmend beeinflusse. Sie fragen sich, wie es den politischen Parteien jemals gelingen soll, diese neuen Methoden der Verbreitung politisch relevanter Informationen in ihre Arbeitsweise einzubeziehen. Aber natürlich gab es den Stammtisch lange schon vor den Chaträumen im Internet. Doch für den durchschnittlichen Politiker ist er nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Die Routinebesuche von Delegationen aus der Provinz im Parlament werden von den Politikern in den meisten Ländern als lästige Pflicht angesehen. Nicht so in Deutschland, denn die Parlamentarier wollen unbedingt in Erfahrung bringen, was an den Stammtischen besprochen wird. Was bewegt den Wähler an der Basis? Blogs und Chaträume geben nur über einen kleinen Ausschnitt der Bevölkerung Auskunft. Der Stammtisch in den Kleinstädten und Dörfern Deutschlands repräsentiert hingegen einen bedeutenden Teil der Wählerschaft.

Da die Politiker die Augen und Ohren nicht in jeder Kneipe haben können, sind sie häufig auf Spekulationen angewiesen. Wenn sie die Meinungsmacher an der Basis direkt erreichen wollen, geben die Politiker Interviews oder sorgen dafür, dass sie in der Boulevardpresse auftauchen. Das ist ein sicheres Mittel, um ihre politischen Botschaften direkt an die Menschen in den Kneipen zu vermitteln und erklärt die Macht einer Zeitung wie BILD, die sich einer Leserschaft von rund 12 Millionen erfreut. Doch ist es den Politikern nach wie vor ein Rätsel, welchen Einfluss sie wirklich haben. Geben sie den Ton an oder gehen sie am Wesentlichen vorbei?

Wichtiges Barometer

Die Wochenzeitschrift Die Zeit suchte kürzlich mehrere Stammtische in Deutschland auf, und zumindest manche ihrer Entdeckungen stimmen mit meinen Beobachtungen in meiner Berliner Stammkneipe überein. Kajo Wasserhövel, der Wahlkampfmanager der Sozialdemokraten, sagte voraus, dass die von der Wirtschaftskrise verunsicherten Menschen den Staat als Retter sehen wollten. So bestätigten es auch die Meinungsforscher. „Er lag falsch“, schrieb die Zeit. Die Europawahl im Juni 2009 schien zu zeigen, dass die Deutschen lieber weniger als mehr Staat möchten, doch drang diese Erkenntnis irgendwie nicht zu den Medien durch. „Wahlentscheidend ist das persönliche Gespräch“, sagte Wasserhövel der Zeit. „In der Familie, unter Freunden. Und am Stammtisch.“ (Die Zeit, 6. August 2009). In Anbetracht der langen historischen Tradition des Stammtisches ist es vielleicht nicht überraschend, dass man dem zunehmenden Eingreifen des Staates in die Gesellschaft mit Skepsis begegnet. Und gewiss waren die meisten Mitglieder meiner Berliner Stammtischrunde unter dem maßgeblichen Einfluss eines Autohändlers mit dem Spitznamen „Auto-Peter“ gegen die Rettung von Opel und glaubten, dass die Amerikaner General Motors zu Recht fallen gelassen hätten.

Der Stammtisch hat ein langes Gedächtnis: So gilt die Erhöhung der Mehrwertsteuer beispielsweise immer noch als einer der Kardinalfehler der Großen Koalition. Wird die nächste Bundestagswahl in Deutschland durch die Fernsehduelle führender Politiker oder die subtile Einflussnahme der in den Kneipen in deutschen Kleinstädten gebildeten Meinungen entschieden? Arbeitslose, junge Männer und Frauen, türkischstämmige Deutsche: Sie alle sind am Stammtisch kaum vertreten (und werden auch häufig von professionellen Meinungsforschern falsch eingeschätzt). Der Stammtisch spricht nicht für alle. Aber er ist ein wichtiges Barometer.

Nicht zum ersten Mal liegt der Rat des Verfassers der Kolumne „Typisch deutsch” auf der Hand: Will man die Gesellschaft verstehen, begebe man sich in eine Kneipe, kaufe sich ein Bier und halte die Ohren offen. Nun rate ich Politikern dasselbe, wenn sie sich in ihren ehrenwerten Ämtern behaupten wollen.

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stammtisch
Roger Boyes
Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“

Der deutschsprachige Stammtisch Mar del Plata:
Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag – 17:30 –
PRIMACY Apart Hotel *****, Santa Fe 2464, Mar del Plata

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Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

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