Du als Richter BB – Artikel von Carlos Haller

Briefliches Vorabkommen mit Christina Hildebrandt:

A.Haushofer DenkmalAm 5.2.2014 schrieb Christina: Hallo Carlos, eine beeindruckende Biografie hast du uns vorgestellt, während die Männer sich mit dir unterhielten, habe ich nun endlich eine „Antwort“ abgeschickt.  Dabei kam mir in den Sinn, wie dein Urteil als Richter wohl ausgefallen wäre. Eine Person, die all ihre Fehler einsieht und bereut als es schon zu spät war, aber eigene Vergehen nicht rückgängig machen kann. Die „SS“ hat Haushofer umgebracht, wie hätte das Urteil der Befreier wenige Monate später sein können oder das der KZ-Insassen?

Am 6.2.2014 schrieb Carlos: Liebe Christina,würde deine „Antwort“ als Kommentar oder sonstwie im Stammtisch-Blog stehen, so hätte ich Zeit und einen Vorwand um mir eine Erklärung auf deine Frage einfallen zu lassen. Dann gäbe es womöglich noch einen kleinen Artikel, oder zwei, die wir sogar (jeder auf seine Weise aber zusammen) an gleicher Stelle veröffentlichen lassen könnten.Möchtest du’s ausprobieren? Wenn du sogar diese kurze Vorverhandlung dort posten möchtest, bitte fange an.-

Christina am 7.2.2014: Hallo Carlos, die Diskussion ist eröffnet!  Im zweiten Kommentar im Blog  frage ich dich nach deiner Meinung und mache mir nun- zusammen mit unserem Besuch – Gedanken über die Schuldfrage des Mitläufertums, der „Wiedergutmachung“,  der menschlichen Irrtümer, denen wir alle unterliegen Ich hoffe, jemand liest Kommentare ?!?

Christina Hildebrandt sagte am 07/02/2014 um 10:55 :

Richten, beschuldigen, Schuld bekennen, Schuld vergeben-
all das sind Themen, mit denen sich der Verfasser des Artikels
beruflich auseinandergesetzt hat. Mich würde daher deine Meinung interessieren Carlos, hätten die Befreier nach dem Krieg ihn verurteilen können, wie wäre wohl die Haltung der KZ
Insassen gewesen…. würde eine Strafe sinnvoll sein für jemanden, der wahrhaftig bereuen kann?

Carlos sagt :

Hallo, Christina!

Als Verfasser des vorhergehenden Artikels über Albrecht Haushofer muss ich kategorisch verneinen, dass ich mich „beruflich“ mit seiner Person beschäftigt habe. Ausdrücklich wurde darin erwähnt: Diese Aufzeichnung soll nur dazu dienen, zum lesen und durchdenken dieser Gedichte anzuregen.

Wie siehst du es als Richter? Was hättest du getan?“ – Die Fragen verlangen eine abstrakte Meinung, die es gar nicht geben kann wenn ihr kein konkreter Standpunkt vorangestellt wird. Sie bezeugen höchstens, dass du und womöglich noch andere Angehörige des deutschsprachigen Milieus in Mar del Plata mich nur in der „geistigen Verkörperung“ eines ehemaligen Richters wahrnehmen können. Muss gestehen: ausser diesem, habe ich noch andere Berufe oder auch Gelegenheitsarbeiten ausgeübt, ohne das Gefallen an Literatur, Politik und Dichtung zu verlieren. Manchmal zum Eigenschaden.

Denn Richter wird man nicht geboren. Du wirst es aus verschiedenen, zusammenwirkenden oder nacheinander zufließenden Gegebenheiten, denen sich höchstens ein minimales Maß des Selbstwillens anschließt. Als ideale Vorstellung konnte ich höchstens davon träumen, „Armenverteidiger“ zu werden, ohne Erwägung der Mittel, womit ich mich selbst und eine Familie ernähren würde. Der gesellschaftliche Grundstein zu diesem Ziele lag nicht bei meinen guten, durchhaltigen Eltern, sondern in der hier sogenannten Sekundarschule, wo mir Freundschaften zufielen, die sich nur später als vorantreibende Hilfsgeister erwiesen. Jenen verdankte ich 1962 einen sehr bescheidenen Posten als Justizangestellter, woraus nach mehreren Jahren und abgeschlossenem Studium tatsächlich eine Stelle als Pflichtverteidiger entwuchs. Die politische Unstabilität Argentiniens gestattete nicht, dass ich bei solcheiner oder wichtigerer Arbeitslage die brusken Änderungen der Machtverhältnisse an der Staatsspitze überleben konnte. Jahre darauf, als wieder mal „demokratische Verhältnisse“ eintraten, wurden mir diese Erfahrungen anerkannt und bald danach erstieg ich einen Richterstuhl. Man kann ihn im Allgemeinen nur erreichen und erhalten, wenn man ein systemtreues Engagement annimmt und mit Taten bestätigt. Es reicht nicht mit nur akademischer Ausbildung und sorgfältig korrekter Lebensführung. Beides kann dich nachher höchstens gegen Verleumdungen beschützen.

Als Richter in Deutschland anno 1944 kann man mich schwerlich vermuten. Da hätte ich meinen Schwur fürs Vaterland, für die Bewegung und persönlich für den Reichsführer leisten und somit die Ermächtigungsgesetze anwenden müssen. Die bewiesene Beteiligung Haushofers an dem Attentat war (nicht nur in Deutschland) als Hochverrat im Kriegszustand eingestuft, also mit der Todesstrafe bedroht.Das Urteil bedurfte keine weitschweifige Begründung. Ob es sich um einen Anstifter, Mittäter oder enfacher Mitläufer handelte, machte keinen Unterschied. Haushofer konnte kaum „aus Versehen“ in die Verschwörung des 20. Juli 1944 eingewickelt worden sein.

Etwas komplizierter wäre meine Einstellung gewesen, wenn ich als argentinischer Richter, als einer der „Siegermächte“ zugehöriger Jurist, für die Aufgabe, als Teilnehmer an den Nürnberger Gerichtshöfen für Kriegsverbrechen ernannt wäre. So absurd es auch klingt, hätte es so vorkommen können wenn die massgebenden Mächte die Errichtung eines zum Scheine „unparteilichen“ oder wenigstens „nicht zu stark voreingenommenen“ internationalen Richterkomitees beschlossen hätten. Es kam anders und man kann es kaum den Siegern vorwerfen. Sowieso, auch in Normalverhältnissen, ist man als Richter politisch und gesellschaftlich voreingenommen. Wer es verleugnet erschwert sich auf jeden Fall das Verständnis der vielseitigen Dimension eines Rechtsspruches. Die Einfügung ehemaliger KZ-Insassen in ein Sondergericht für Menschenrechtsverletzungen und Genozid, hätte sich nur noch an die Kritiken angereit, die sowieso den Nürnbergern Nachkriegsprozessen weltweit nachgesagt wurden. Überlebende KZ-Insassen wären als Richter eines ehemaligen Nazi-Anhängers gänzlich voreingenommen gewesen; sie hätten auch wenige Beweise dafür gehabt, dass er an der Planung, Errichtung und Ausführung der Morde in jenen Anstalten irgendwie mitgewirkt hätte.

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UnterKriegsverbrechen (Wikipedia) wurden folgende Delikte verstanden: Tötung oder Misshandlung von Kriegsgefangenen, Hinrichtung von Geiseln, Verschleppung zur Zwangsarbeit, und so mehrere, Unter Verbrechen gegen die Menschlichkeit fielen vor allem die Verfolgung und Vernichtung der Juden sowie anderer Volksgemeinschaften, und die Vernichtung „unwerten“ Lebens. Unter Verbrechen gegen den Frieden wurde der Angriffskrieg verstanden, ein bis zu diesem Zeitpunkt nicht codifiziertes Delikt. Als ideologischer Anstifter dieser letzten Verbrechen (besonders des Angriffs gegen Polen und der Sovietunion) hätte sich Albrecht Haushofer wahrscheinlich zu Recht vor Gericht verantworten müssen.

 Nach dem Hauptprozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof fanden in der amerikanischen Besatzungszone und vor amerikanischen Militärgerichten zwölf weitere große Prozesse gegen NS-Kriegsverbrecher statt. Angeklagt waren insgesamt 185 Personen:

  • 39 Ärzte und Juristen (Fall I und III)
  • 56 Mitglieder von SS und Polizei (Fall IV, VIII und IX)
  • 42 Industrielle und Manager (Fall V, VI und X)
  • 26 militärische Führer (Fall VII und XII)
  • 22 Minister und hohe Regierungsvertreter (Fall II und XI)

Von den Angeklagten wurden 35 freigesprochen. 24 wurden zum Tode verurteilt, 20 zu lebenslanger Haft und 98 zu Freiheitsstrafen zwischen 18 Monaten und 25 Jahren. Von den zum Tode Verurteilten, für die sich unter anderen der spätere Bundeskanzler  Konrad Adenauer  verwendet hatte, wurden zwölf hingerichtet, elf zu Haftstrafen begnadigt und einer an Belgien ausgeliefert, wo er in Haft starb. Bis heute wurde und wird beachtenswerte Kritik an der Zielsetzung und den Methoden der Prozesse geübt.

Umstritten war auch der Begriff der Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, das so genannte „Organisationsverbrechen“, wonach jeder aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer NS-Organisation, die als Verbrecherischeverurteilt worden war, in allen Staaten, welche das Statut unterzeichnet hatten, wegen der Zugehörigkeit zu dieser Organisationen verurteilt werden konnte. Bei der Verurteilung spielte es keine Rolle, ob der Angeklagte sich persönlich eines Verbrechens schuldig gemacht hatte (Artikel 9–11). In Deutschland wurde diese Möglichkeit allerdings nicht angewendet.

Ein weiterer Rechtsgrundsatz, der bei den Prozessen übergangen worden sei, lautet nach Ansicht der Verteidiger der Angeklagtennullum crimen sine lege praevia, nulla poena sine lege(kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz). Kritisiert wurde, dass die Angeklagten teilweise für Verbrechen angeklagt wurden, die zum Zeitpunkt der Tat durch ein multilaterales Abkommen zwar verboten waren, aber für die kein Strafmaß festgelegt worden war. Dies bezieht sich insbesondere auf den Anklagepunkt „Führen eines Angriffskrieges (Verbrechen gegen den Frieden)“, wofür A.H. angeblich “ideologische und politische Schuld” hätte mittragen müssen, besonders wenn er unter sowjetische Gerichtsbarkeit gestanden wäre.

Auch konnte schwerlich ein tu-quoque-Argument [oder auch-du-Argument] erhoben werden, da es sich im Grunde um « politische Prozesse » handelt, also von den Siegern veranstaltete. Nach vertraglicher Regelung mit den Allierten, zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung 1990, kann die Bundesrepublik ohne Unterschied allierte und deutsche Beschlüsse, Verordnungen und Gesetze streichen, ändern oder aufheben, solange sie sich dabei an die Vorgaben der parlamentarischen Demokratie hält. Ob dies noch einen praktischen Bezug auf die Nürnberger Prozesse haben könnte, bleibe dahingestellt. Albrecht Haushofer kann man damit nicht mehr dienen.

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Lassen wir beiseite, dass ich damals (1945/46) erst vierzehn Jahre alt und noch nicht einmal Abiturient war. Das Gerechtigkeitsgefühl hatte ich aber aus Zeitunglesen und Filmnachrichten ziemlich ausgeprägt erworben. So entsteht im gesellschaftlichen Zusammenleben, bei uns allen, normalerweise die öffentliche und auch meistens die private Meinung über Handlungen in Krieg und Friede. Dies gestattet dir, Meinungen und Urteile über Haushofers Schuld bzw. Unschuld auszusprechen und andere darüber zu befragen. Dazu ist es bedeutungslos, ob man Jurist oder Laie in Sachen Verantwortung und Strafe ist.

Schon das Wort „Strafe“ bezeugt eine Idee der Vergeltung, wenn nicht der Rache. Strafe als reine Peinigung des Verbrechers hat heute keinen juristischen Sinn. Wenn sie als Wiedergutmachung – mit oder ohne Reue – angewandt werden kann, dient sie zum Teil als Schadenersatz. Unangemessen, ja absurd wäre die Verpflichtung, einen Massenschaden oder einen Völkermord durch die guten Vergeltungstaten eines einzigen Menschen zu verlangen, so mächtig er auch als Person und im Rang gewesen sein mag. Die Gutmachung würde immerhin nur in den Schranken der individuellen Leistungsfähigkeit bleiben, und eventuell vorbildliche aber schwer kontrollierbare Wirkung aufweisen. Das Trauer- oder Reuevermögen des Betroffenen hätte kaum als Freispruchbegründung angefordert und gewährleistet werden können. Doch dient es womöglich als Strafmilderungsgrund, d.h. als Vermilderung des Quantums bzw. der Dauer des Wiedergutmachungsverfahrens.

Also teile ich deine Auffassung wo du schreibst: „ Wie gut hätte es dem deutschen Selbstbewusstsein in den Jahren nach dem Krieg getan, hätte es mehr Eingeständnisse wie die von Albrecht Haushofer gegeben!“ – Doch hatte A.H. schon früh in seinem Leben an dem Geburtskern der nationalsozialistischen Bewegung mitgearbeitet. Vielleicht nicht so intensiv im Denken und Tun wie der auch sehr gebildete Rudolf Hess, doch aber mit seinen theoretischen Vorstellungen und Begründungen der Notwendigkeit, Osteuropa zu erobern. Dass ähnliches im Übermaß für Millionen Deutsche selbstverständlich war und begeistert salutiert wurde, konnte dem jungen und dann reiferen akademisch gebildeten Haushofer nicht als Entschudigung dienen. Viele, vielleicht nicht Allzuviele, hatten schon vor dem Krieg „gezweifelt und gewarnt“, aber es half Deutschland nicht.

Es freut mich, dass du am Ende deines Kommentars auf die Grundeinstellung meines Artikels eingehst; will sagen, auf den keineswegs juristischen sondern schlicht menschlichen und literarischen Approach, wenn du sagst: „Aus meiner Sicht bildet die poetische Verarbeitung dieser Tragödie einen Abschluss in Wahrheit und Demut, der man nur mit Hochachtung begegnen kann“.-

Mar del Plata, Februar 2014zusammen von Christina Hildebrandt und C. Haller
Anmerkung von axel: der diesem Beitrag zugrundeliegende Artikel und die Kommentare ist: Trauerspiel in drei Aufzuegen

Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

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