Argentinische Patrizierkapelle in Bremen

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Alljährlich treffen sich Militärkapellen in verschiedenen Ländern. Diesmal (anno 2003) war es in Deutschland und sie traten  in der Bremer Konzerthalle auf. Die  Teilnehmer des sogen. Patrizierregiments Argentiniens bekamen keine staatliche Unterstützung für die Unkosten der Reise. Der erforderliche Betrag wurde von Familienangehörigen und Freunden zusammengestellt. Die Kapelle kam dort am selben Tage der Veranstaltung an. Sie konnten die Stelle nicht vorerst besichtigten und wurden beim nahegelegenen Militärregiment einquartiert. Man sagte, es sei die beste Kapelle gewesen und sie GEWANN!

Dreimal über Berlin 3

Wenn auch in naheliegenden Zeiten einige Berliner, Hamburger und von sonstwo stammenden liebenswürdigen  Deutschen in Mar del Plata aufgetaucht sind, und über ihre Städte und Landschaften vieles interessantes erzählt haben, kann ich mir kaum das dort tagtägliche Leben aus dieser Entfernung vorstellen. Eine Meinung: Dazu hätte man schon drei bis vier Jahre „drüben“ wohnen müssen. Und doch wäre ich mir selber wahrscheinlich  immer als Ausländer vorgekommen.

Wohl waren meine Eltern Deutsche. Sie sind in Dörfern aufgewachsen und haben nur flüchtig Grossstädte kennengelernt.

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Ulrich Pätzold 8und60 Notizen im Alter

[Eine gewisse Überraschung erlebten wir Deutschsprechende in Mar del Plata, als folgende Anzeige in der hier erscheinenden Tageszeitung „El Atlántico“  vom 27.4.2013 zu lesen war. Kenne Herrn Pätzold allerdings nicht, aber das sonderbare dieser Werbeannonce an unserem ferngelegenen Ort lässt vermuten, er habe womöglich mal hier gewohnt. Gerade nur darum könnte es uns interessieren, was er da aufgezeichnet hat. Dies ist nicht als Geschäftswerbung zu verstehen.- C.H.]

Zitat:

Schon lange beschäftige ich mich mit der Frage, wie die 68er Jahre des vorigen Jahrhunderts, in denen ich studiert und wesentliche berufliche Prägungen erhalten habe, mein Leben beeinflusst. Einstellungen, Wahrnehmungen, Ausdrucksweisen, Gedanken und Gefühle sind auch heute noch eingebettet in die soziale und kommunikative Dynamik, die um 1968 aufgebrochen war. Das bedeutete nicht, die theoretischen Wege weiter zu gehen, die damals beschritten wurden. Heute sehe ich die Welt ganz anders als damals. Aber es ist reizvoll, die Spiegelungen zu entdecken, die es zwischen dem symbolischen 1968 und heute gibt.

Für mein 68. Lebensjahr hatte ich mir vorgenommen, aus diesen Spiegelungen nach aktuellen Ereignissen und Erinnerungen und Gefühlen zu suchen und sie in kurzen Texten zusammen zu fassen. Das habe ich mit journalistischer Gewissenhaftigkeit ein Jahr lang getan. Auf diese Weise entstanden Aufzeichnungen aus den Jahren 2011 und 2012. Eine Auswahl von ihnen veröffentliche ich nun in meinem Buch Achtundsechzig – Notizen im Alter

Das Buch wird nicht nur diejenigen interessieren, die in der gleichen Zeitspanne alt geworden sind wie ich selber. Es ist auch ein Dokument für jüngere Menschen. Denn sie werden entdecken, dass die Sicht auf bestimmte Themen, ja schon die Auswahl, was denn als das „Neue vom Tage“ wichtig erscheint, eng verbunden mit der Biografie eines Menschen ist. Diese Biografie ist weniger wichtig in ihren engeren privaten Ereignisabläufen. Sie ist viel spannender, wenn aus ihr deutlich wird, wie eine Epoche, ein Abschnitt in der Zeitgeschichte das Leben mit seinen Ansichten und Einsichten prägt. Deshalb bin ich selbstbewusst überzeugt, ein Buch geschrieben zu haben, das in die Öffentlichkeit gehört. Ulrich Pätzold

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Für die Katz

 von Robert Walser 

Walser

R.Walser

R.Walser

 

 [Anmerkung des Übersetzers ins Spanische: Da geht ein Bieler zweisprachiger junger Schweizer, 1878 geboren, in die Lehre auf eine Bankanstalt, und ohne abgeschlossener Mittelschule dann nach Stuttgart, wo er als Bürokraft in Verlagen arbeitet, während era abends vergebens versucht, Theaterschauspieler zu werden. Danach wohnt er in Zürich, besetzt als Kommis mehrere Stellen, schreibt seine ersten Erzählungen und Gedichte, kommt mit Jugendstilkünstlern in Kontakt, erfüllt seine Militärpflicht, geht dann als “Gehülfe” zu einem Ingenieur und begibt sich 1905 als Lernender in eine “Dienerschule”. Nach dessen Abschluss wird er Schlossdiener in Oberschlesien, wohnt dann in Berlin, wo er zwei Romane und mehrere Erzählungen schreibt, die von bedeutenden Schriftstellern günstig bewertet werden. 1913 in die Schweiz zurückgekehrt, muss er seit 1914 oftmals den Bodenschutz-Dienst leisten, geht 1921 nach Bern und Anfang 1929 zieht er sich in die Waldauer Nervenanstalt zurück, nicht total umnebelt aber doch außer Stande, die Lust zu empfinden, wieder in den Städten zu leben. Am 25. Dezember 1956 findet man ihn im Schnee tot liegen, wahrscheinlich zu Folge eines Herzinfarkts. Seine eigenartige Prosa macht mir als Übersetzer höchste Mühe, lässt mich aber vieles und schönes aus der deutschen Schriftsprache kennen. Hoffentlich befreundet sich mancher mit Walsers Stil im ursprünglichen Text; dann wäre dieser Übertragungsversuch nicht allzu arg “für die Katz” – CH].

 

 

Für die Katz, von Robert Walser

 

Ich schreibe das Prosastück, das mir hier entstehen zu wollen scheint, in stiller Mitternacht, und ich schreibe es für die Katz, will sagen, für den Tagesgebrauch.

 

Die Katz ist eine Art Fabrik oder Industrieetablissement, für das die Schrifsteller täglich, ja vielleicht sogar stündlich treulich und emsig arbeiten oder abliefern. Besser ist, man liefere, als übers Liefern bloß undienliche und übers Dienen plaudertäschelige Lavereien oder Diskussionen zu veranstalten. Hie und da dichten sogar Dichter für die Katz, indem sie sich sagen, sie fänden es gescheiter, etwas zu tun, als dies zu unterlassen. Wer für sie, diesen Kommerzialisiertheitsinbegriff etwas tut, tut es um ihrer rätselhaften Augen willen.

 

Man kennt die Katz und kennt sie nicht; sie schlummert, und im Schlaf schnurrt sie vor Vergnügen; wer sie sich zu erklären sucht, steht vor einer undurchdringlichen Frage. Obwohl die Katz anerkanntermaßen etwas wie für die Bildung eine Gefahr ist, scheint man ohne sie nicht existieren zu können, denn sie ist die Zeit selbst, in der wir leben, für die wir arbeiten, die uns Arbeit gibt, die Banken, die Restaurants, die Verlagshäuser, die Schulen, das Immense des Handels, die phänomenale Weitläufigkeit des Warenfabrikationswesens, alles dies und noch mehr, falls ich, was in Betracht kommen könnte, der Reihe nach aufzähle wollte, was ich für überflüssig halten würde, ist Katz, ist Katz.

 

Katz ist für mich nicht nur das, was für den Betrieb taugt, was für die Zivilisationsmaschinerie irgendwelchen Wert hat, sondern sie ist, wie ich bereits sagte, der Betrieb selber, und bloß das dürfte sich eventuell herausnahmen, nicht für die Katz bestimmt sein zu wollen, was sogenannten Ewigkeitswert aufweist, wie beispielsweise die Meisterwerke der Kunst oder die Taten, die hoch über das Summen, Brummen, Sausen, Brausen des Tags hinausragen.

 

Was von Abneigung und Vorliebe, anders gesprochen, von der Katz, die gewiss ein eminentes Etwas ist, nicht verzehrt oder aufgegessen wird, das, so wird man sich einbilden können, sei bleibend, lande ähnlich einem Fracht- oder Prachtschiff im Hafen fernliegender Nachwelt. Mein Kollege Binggeli schriftstellert meines Erachtens nach in jeder Hinsicht für die Katz, obschon er äußerst anspruchsvoll schreibt und dichtet. In Bezug auf die Katzlichkeit seines zweifellos an sich vorzüglichen Schaffens befindet sich Dinggeläri, dem eine hinreißendschöne Frau ehelich angehört, der famos speist und ißt, täglich prächtig spaziert, eine romantisch gelegene Wohnung bewohnt, insofern in einem eklatanten Irrtum, als er in einem fort meint, die Katz mache sich nichts aus ihm. Während sie ihn als den Ihrigen betrachtet, gibt er sich Mühe, zu denken, sie halte ihn für ungeeignet, was keineswegs Tatsachen entspricht.

 

Ich nenne die Mitwelt Katz; für die Nachwelt erlaube ich mir nicht, eine familiäre Bezeichnung zu haben. Oft wird die Katz missverstanden, man rümpft die Nase über sie, und gibt man ihr etwas, so begleitet man diese Beschäftigung mit durchaus nicht wohlangebrachter Auffassung, indem man hochmütig sagt: “Es ist für die Katz”, als wären nicht alle Menschen von jeher für sie tätig gewesen.

 

Alles, was geleistet wird, erhält zuerst sie; sie lässt sich’s schmecken, und nur was trotz ihr fortlebt, weiterwirkt, ist unsterblich. 

[1928-29] Aus: Robert Walser : Für die Katz (Erzählung) in: BASTA Prosastücke aus dem Stehkragenproletariat.- Ausgewählt und mit einem einleitenden Essay von Hans G Helms (1970), Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin

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Malvinen: Ursprung und Herkunft

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 Ich weiß, dass ich unbefugt einen umstrittenen Boden besuche, wo die Etymologie zur Hilfe von Informationen aufgerufen wird, ohne ihr eine Überlegenheit zuzuschreiben (denn „Etymons“ sind letzten Endes nur die Wurzeln, aus denen die Wörter der Sprachen kommen). Manche verwechseln die Herkunft eines Wortes,mit seiner heutigen Bedeutung, doch manchmal kann der Ursprung beim Interpretieren der Letzteren behilflich sein. Ausserdem kann auch die Geschichte hier angerufen werden, um etliche der jüngsten Daten zu beschreiben, nicht aber um vollendete Tatsachen zu legitimieren; also vielmehr um kritische Lichtstrahlen  auf sie zu werfen. Kaum versuche ich, Weisungen einzuschärfen; vielleicht doch aber Reflexionen anzuregen, alles mit besonderem Hinweis auf menschliche Bildung.

Hier erlauben die Begriffe „erziehen“ oder „bilden“ eine fast unendliche Anzahl von Zielsetzungen: das bloße Ausbilden, den Hass oder das Verständnis, den Fanatismus oder die Toleranz, den Bau oder den Abriss von Brücken. Diese und andere Ziele der Bildung werden als „Gehirnwäsche“ bezeichnet, entsprechend den ideologischen Gräben in die wir uns verschanzen. Umso mehr gilt dies, wenn es sich darum hadelt, über Wörter zu schreiben, die sich auf die Falklandinseln beziehen, an einem Ort (Argentinien) und in einer Zeit (anno domini 2012) in denen Briten und Argentinier wieder mal höchst sensibilisiert gegenüber dieses Konflikts reagieren.

 Näherliegende Umstände, die zum Thema führten

Das Thema wurde wieder aktualisiert, als diesmal der dreißigste Jahrestag der militärischen Eroberung des Malvinen-Archipels durch argentinische Streitkräfte zutrifft. Dazu kommt noch eine ganz private und vielleicht belanglose Angelegenheit. Sie wurde durch einen Fehler in einer Diashow [Slideshow] verursacht, die ich per E-Mail erhielt. Die pps-Werbung brachte kurz beschriftete Bilder mehr oder weniger„paradiesartiger“ Landschaften der Welt, und eines davon zeigte eine Küste voller Sonne, einen Sandstrand mit Palmen und üppigem Regenwald gesäumt.In weißen Buchstaben auf dem Bild, stand klar lesbar „Islas Malvinas“.Natürlich, handelte es sich um die Inselgruppe der Malediven (Englisch „Maldives“), im Indischen Ozean,südwestlich von Indien, ein ehemaliges britisches Protektorat und heutzutage eine autonome Republik.

Die Herkunft der Bezeichnung Malediven“ scheint sich in den Verwandlungen der Sprachen verstrickt zu haben, bis zum Sanskrit maladvipa, das Girlande von Inseln“ bedeutet und einen herrlichen metaphorischen Ausdruck darstellt, für was wir heute als„Archipel“ bezeichnen und nun aus dem Altgriechischen stammt. Aber unser Hauptinteresse gilt jetzt nicht dem Genuss,auf dem Indischen Ozeanzu segeln, sondern im übertragenen Sinne den Südatlantik zu überqueren.Allerdings, trotzgeografischer Nähe, sind die Falkland-Inseln in der Regel nicht durch allzu genaue Vorstellungen über die sie betreffende Nomenklatur begleitet, und einige Namen wurden stark durch geschichtliche Ereignisse geprägt.

 Geschichtliche Angaben über die Malvinen

Wohl konnten sie von der Besatzung eines der Schiffe der Magellan-Expedition im Jahre 1520 gesehen worden sein. Ein Englisch sprechender Kapitän, John Strong, landete dort im Jahre 1690 und nannte den schmalen Kanal, der die beiden Großinseln trennt, „Falkland Sound“. Daher auch der heutige Name auf Englisch, bekannt fast in der ganzen Welt außer den spanischsprachigen Ländern, wo die argentinische Nomenklatur „Islas Malvinas“ beibehalten wurde, sowie auch einige der Ortsnamen.

 Der von dem oben erwähnten Kapitän erteilte englische Name, galt zu Ehren eines Lords der britischen Admiralität, des Schotten Anthony Cary, 5. Viscount Falkland, dessen Verdienste an dieser Stelle nicht besprochen werden können, der aber die Erkundungsreise des Kapitäns Strong finanziert hatte. Der spanische Name „Malvinas“ kommt aus dem französischen „ Îles Malouines“, die ihnen Louis Antoine de Bougainville gab, ein Seefahrer und Entdecker, dessen Nachname in unseren Gärten geehrt wird, da er die bunten Blüten der Bougainvillea oder Santa Rita bezeichnet. In einer seiner Reisen (1764) traf Graf de Bougainville auf diesen Inseln Bewohner (besonders Seeleute und Fischer) die hauptsächlich aus dem bretonischen Hafen von Saint-Malo kamen; die geografische Bezeichnung „Malvinen“ wurde also abgeleitet von den im 18. Jahrhundert dort wohnenden Insulanern.

 Fast gleichzeitig erforschte der britischeKapitän John Byron die Insel Saunders,dessen Eingangsbucht er Port Egmont nannte, und baute dort eine Siedlung.Zugleich erklärte er alle Inseln als Besitzvon König George III. Spanien erwarb und kolonisierte danach die von den Franzosen besiedelte Insel im Jahr 1767,stellte sie unter das Kommando von einem Gouverneur, der seinerseits der Kolonialverwaltung in Buenos Aires unterstellt war. Im Jahr 1770 griffen die Spanier Port Egmont an und die Briten zogen von dort aus. Aber ein nachfolgendes Friedensabkommen zwischen beiden Kronen validierte die britische Rückkehr nach Egmont.Im Jahr 1774,gezwungen durch die Ereignisse, die zur Erklärung der Unabhängigkeitder amerikanischen Kolonien führten, verließen die Briten die Insel, die sie trotzdem immer noch beanspruchten.Spanien behielt dort seinen Gouverneur bis1806 und bestand wiederum auf seine Hoheitsansprüche.

 Luis  Vernet, ein Unternehmer von französischer Abstammung, doch in Hamburg geboren,ließ sich in den Vereinigten Provinzen vom damaligen Argentinien nieder und erhielt 1824 die Aufenthaltsgenehmigung auf der Isla Soledad (die Ost-Falkland Großinsel) zur Betreibung der Fischerei und Jagd wilder Rinder, als Begleichung einer Schuld, die die Regierung von Buenos Aires mit ihm hatte.Er gründete eine Kolonie, brachte Pferde und Schafe auf die Insel, baute mehrere Gebäude wieder auf, die baufällig waren, betrieb eine Studie für zukünftige Ansiedlungen und Produktionen, eine Tätigkeit, in der seine junge Ehefrau fleißig mit half. Damit schuf Vernet ein Handels- und Produktionsmilieu, das davor nie existierte und bestätigte zugleich, in der Tat, die argentinischen Hoheitsansprüche in der Gegend. Im Juni1829 wurde er vom de facto-Gouverneur der Provinz Buenos Aires, General Lavalle,als erster Befehlshaber der Malvinen-Inseln in Amts- und Militärangelegenheiten offiziell etabliert.

 Ohne seine Privatinteressen zu vernachlässigen, diente Luis Vernet auf diesem Amt mit der Durchsetzung der Fischfang- und Jagdbestimmungen, die für Amphibien galten (Seelöwen, Robben und dergleichen), eine Tätigkeit die wahllos von ausländischen Robbenjägern und Walfängern durchgeführt wurde. Auch die Zahlung der Ankermaut wurde systematisch von Walfängern und Wilderern ausgewichen, vor allem von Engländern und Amerikanern. Im August 1831, nach einem Zwischenfall mit drei US-Fischerschiffen, zog Vernet nach Buenos Aires an Bord des Schoners „Harriet“ (dessen Ladung beschlagnahmt wurde), um den Fall an den Gerichtshof für Prisenrecht vorzutragen. Der US-Konsul in Buenos Aires verkannte das Regulierungsrecht der argentinischen Behörden auf Fischfang in den Falklandinseln. Ende 1831, wagte Personal der Kriegsschaluppe „USS Lexington“ eine unerlaubte Landung auf Puerto Soledad und beging schwerwiegende Ereignisse: Waren wurden geplündert, Eigentum sowie der Artillerie-Park wurden zerstört, und die wichtigsten Bewohner als illegale Gefangene nach Montevideo mitgenommen. Die Aktion sorgte für Aufregung in Buenos Aires. Im Juni 1832 forderte der US-Geschäftsträger die Disqualifikation von Vernet, die Rückgabe des von ihm beschlagnahmten Eigentums der Nordamerikaner und die Zahlung einer Entschädigung. Zugleich bestritt er die Legitimität der argentinischen Souveränitätsansprüche auf jene südatlantische Gewässer und Gebiete.. Unter solchen Umständen, erkärte der Gouverneur Rosas den US-Geschäftsträger als persona non grata und liess ihm den Ausreisepass übergeben. Vernet blieb in Buenos Aires und 1840 beschloss die britische Regierung, auf den Inseln ein neues Kolonialgebiet zu errichten.

 Die gegenwärtige menschliche Hochbewertung der Inselbewohner

Amtliche Quellen aus den Vereinigten Staaten [Index Mundi] besagen, dass die Bevölkerung der Falkland-Inseln für das Jahr 2008 schätzungsweise 3140 Einwohner betrug, allerdings mit sehr niedrigem prozentuellem Jahreswachstum. Eine detaillierte Information über die Einteilung dieser Zahl je nach Alter, Geschlecht, soziale Schicht, politische Orientierung und anderen sozio-ökonomischen Parametern, muss in diesem Artikel ausbleiben. Dies soll aber unterstreichen, dass, jenseits von geophysikalischen Aspekten und juristisch-strategischen Auseinandersetzungen, die Inseln von Menschen aus Fleisch und Blut bewohnt sind, Menschen die ihre eigenen Interessen, Vorlieben und Überzeugungen entwickelt haben.

 Zum größten Teil sind sie Nachkommen von Einwanderern britischer Herkunft, fast alle Ureinwohner des nördlichen England und Schottland.Um 1840 kamen einige auch aus St. Helena und Chile. Zweidrittel der Bevölkerung lebt heute in der Hauptstadt Port Stanley [Puerto Argentino], der größten Stadt der Isla Soledad oder „Great Eastern Falkland“,während der Rest sich im westlichen Port Howard befindet oder in ländlichen Siedlungen verteilt ist.

 In Argentinien nennen wir diese Menschen für gewönlich kelpers, mit einem gewissen Hauch von Verachtung. Es ist wahrscheinlich, dass sie dieses Wort untereinander auch akzeptiert haben, aber ohne abwertende Konnotation, um sich selbst zu benennen. Diese Vermutung ist aber nicht durch zuverlässige Quellen zu widerlegen oder zu bestätigen. Sei es wie es sein mag, wir sollten nicht vergessen dass es Kelpers gibt und dass der Ausdruck so viel wie „diejenigen, die unter Algen oder Seetang leben“ bedeutet , bzw. „diejenigen, die Algen nutzen oder sie verwenden“. Eigentlich gilt die Herkunft des Wortes kelper als unbekannt, obwohl es seit 1960 dokumentarisch bezeugt ist als gleichbedeutend mit „Einwohner oder Einheimischer der Falkland-Inseln „. Sein Herkunftswort, sein „Etymos“, ist also höchstwahrscheinlich die Vokabel kelp, womit man dort alle großen Braunalgen „und sogar die Asche von Seetang benennt, die als Quelle für Jod und Kalilauge verwendet wird“ [Harpers Englisch Etym.Dict. online].

Kurz gesagt: Die etymologischen Gründe dürften am wenigsten signifikant sein, wenn es sich um rechtliche Argumente zum besseren Anspruch auf die Inseln handeln sollte. Alle diejenigen „Gründe“ (patriotische, historische, wirtschaftliche und geostrategische) die Argentinien bei internationalen Foren vorlegen kann, würden seinen Anspruch auf territoriale Souveränität in den Malvinen stärker unterstützen, als diejenigen, die auf Herkunft einiger Wörter basieren. Entscheidungen darüber entspringen nur aus gegenwärtigen Machtverhältnissen, die von Gefühlen und Zweckmäßigkeit beeinflusst werden. Heute müssen wir schlicht zugeben, dass auf den Malvinen Menschen leben, die dort ihre Heimat und ihren kulturellen Bereich haben; beide sind im Moment unvereinbar mit denen ihres größeren kontinentalen Nachbarn.

Es ist legitim, dass Argentinien mit seinen Forderungen weiter beharrt. Es ist gut, Werbung durch nüchtern verbreitete Mittel zu betreiben. Inzwischen können sich die Interessen und Gefühle beiderseits ändern. Und wenn diese Bestimmungen sich auch im „materiellen“ Sinne ändern, wäre es weiterhin irrational und unmoralisch, Gewalt anzuwenden, um den Insulanern eine Verhandlungslösung aufzuzwingen. Freiwillig würden sie dann die Annäherung an ein auch verwandeltes Argentinien bevorzugen. Die Fähigkeit, dies zu sehen, wäre das kaum wahrnehmbare aber doch menschlich annehmbare etymo- logische Ergebnis dieser Gedanken sein. –

Mar del Plata, 17. Februar 2012 Carlos E. Haller

Erzählungen aus dem Heiligen Land

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 Einen schöpfungsreichen Lebenslauf hat Enrique Arenz bereits schon in den Dienst seines politischen Engagements zu der Stadt gestellt, in der er geboren wurde: Mar del Plata, sowie auch zugunsten der nicht weniger würdigen Ausübung seiner Berufung als Autor von Essays und Geschichten, die längst die Grenzen dieser Gemeinde überschritten haben. Noch bevor ich mit ihm unter Vermittlung von Jorge Caucabeni die ersten Worte unserer gegenseitiger Vorstellung geredet hätte, waren mir schon sein Name und seine Schriften eine geistige Selbstvertändligkeit.

Nun erfreut sich meine Leseneugierigkeit an seinem achten Buch, das vor weniger als einem Jahr mit dem Titel Geschichten aus dem Heiligen Lande [Historias de Tierra Santa] herauskam, und dessen Untertitel die literarische Gattung verrät, zu der das Werk gehört, oder zugleich auch zum Zwecke seiner Werbung dienen mag.

Wir stehen einem Buche mit Kurzgeschichten gegenüber: “cuentos” nennt sie der Autor, der schon in vorherigen Bänden seine Erzählerkunst bewiesen hatte, die aber auch mit essayistischen Fertigkeiten durchdrungen ist. In einem ganz zweckmäßigem Vorwort erklärt er die Umstände, die ihm die Gelegenheit ermöglichten, dass die Keime dieser Fiktionen heranwuchsen: eine Spazierreise nach Israel und Palästina. Die heiße Konfrontation, die zwei Völker dieser Gegend gegeneinander wirft, bietet den gegenständlichen, geographischen und geschichtlichen Hintergrund, der zugleich das Interesse für die beschriebenen imaginären Ereignisse erweckt. Somit hält sich der Verfasser an die soziale und menschlich reale Verfleischung, die schon vormals seine schriftstellerischen Erfolge kennzeichnete, ohne die ethischen Anforderungen seines Vorhabens zu vermindern.

In dieser letzten Sammlung von Geschichten merken wir aber ausserdem noch eine subtile Kehre bzw. eine geistige Zurechtverschiebung, in der das Merkmal des literarischen Realismus sich ”zum Ewigen” auszudehnen scheint. Die Schlichtheit und Einfachheit der Ausdrucksweise, und die gut umrissenen Profile der Charaktere, nehmen eine sozusagen verklärte Neigung an, als ob Taten und Geschehnisse in einer religiös durchdrungenen Aura zustande kämen. Darin beweist sich der ausdrücklich im Prolog vorangeschickte Katholizismus des Autors, der auf keine Weise stur oder fanatisch wirkt, sondern freiheitlich und ökumenisch dasteht.

Die erste Erzählung stellt uns einen gelehrten Schreiber vor, der gezwungen war, sich zu verstecken; und das tat er inmitten der Sekte, die Jesus aus Nazareth umgab und den er von einem sicheren Tode erretten wollte. Wärenddessen schrieb er sorgfältig alles auf, besonders die Lehren und Kontroversen, die im Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern aufkamen. Die Geschichte endet mit einer geistreichen Vermutung darüber, was wohl im Laufe der Jahrhunderte aus jenen wichtigen Aufzeichnungen wurde.

Dann kommt eine Episode, die die aktuelle Technologie mit den ewigen moralischen Vorwürfen über schwankenden Glauben kontrastiert. Seine Kürze ist ein Zeichen von der Beherrschtheit, mit der der Schriftsteller sich am Rande des Humors bewegt, ohne dabei in seinen Strudel zu geraten. Ein Priester von nicht allzu festen religiösen Überzeugungen vergisst, vor der Messe sein Mobiltelephon abzuschalten. Was passiert, wenn das Handy des Pfarrers genau in dem Moment der Weihe klingelt, und mit ausdauernden, durchdringenden, gut hörbaren Tönen den ganzen Tempel erfüllt?

Es folgt die Geschichteeiner Frau, die vergewaltigt wird und ihre Schwangerschaft nicht abbrechen will, dann aber das Baby anderen gibt und nie mehr dem folgenden Schicksal des Kindes nachgeht. Der Weiterlauf der Erzählung bringt für eine spätere Tochter jener Frau unerwartete Konsequenzen, die beide in ein Dilemma stürzt, dessen dramatischer Auswuchs eine Anlehnung an genetische Vorstellungen des 19. oder psychologische Theorien des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert.

Eine andere Geschichte stützt ihr Argument auf die sakramentalen und theologischen Implikationen eines Geständnisses, das in einer Sprache gehalten wird, die der Beichtvater nicht versteht.

Die fünfte Erzählung nimmt eine berühmte Passage aus einem der Evangelien des Neuen Testaments, und erzählt sie wieder mit größter Einfachheit und einzigartigem Geschick, doch in einem andersartigen Ton als der des Originals. Ihre Nachahmung einer Fabel von archaischem Geschmack wird in der stilistischen Form des Titels zusammengefasst: „DerTag, an dem Peter alles vergessen wollte und sagte „Ich gehe fischen !“

Schließlich, in einem engen Zusammenhang historischer Ereignisse, die noch nicht geklärt sind, liess sich der Autor die Gelegenheit nicht entgehen, verschiedene Elemente zusammen zu bringen, die sich in dem politischen Athanor des zwanzigsten Jahrhundersts durcheinender wühlten. Die Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit, die Mitschuld des Vatikans und die Aufnahmebereitschaft der argentinischen Regierung für einige ihrer Täter, werden vom Verfasser in eine eiserne Kette von scheinbarer Logik zusammen gebastelt, mit der freiesten Ausübung seines literarischen Erfindungsreichtums. Vor diesem Wandteppich stellt sich der Autor die sakramentale Buße vor, die Adolf Hitler in dem von feindlichen Truppen und Artillerie belagerten Berlin ablegte vor einem katholischen Priester, der nicht nur deswegen in den Bunker geholt wurde. Dies erlaubte das anschließende Auslaufen des Führers durch ganz Europa, sogar durch Israel, um endlich im „großen und selbstgefälligen Südamerika“ zu landen. An diesem Punkt, als Abschirmung rutscht vorsorglich das schwer fassbare und schelmische „narrative Selbst“ in die Erzählung ein, um zu plädieren: „Von alledem habe ich keine Gewissheit“.

Vielleicht wären die erste und die letzte dieser sechs packenden Geschichten in die Kategorie der „fiktiven Studieneinzureihen; besonders in beiden hat der Autor die gut bekannten Verfahren eines Borges zur Entfesselung der Phantasie angewendet, ohne Angst, als Usurpator der wissenschaftlichen, philosophischen oder theologischen Bereichen gerügt zu werden. Aber durch das ganze Buch zieht ein heftiger Strom von klarer Syntax, beleuchtendenThemen und starkem spirituellen Hintergrund.

Mar del Plata, 10. Februar 2012 Carlos E. Haller

Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

Deutschsprechende in Argentinien

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In diesen sommerlichen Tagen des Jahres 2012, günstiger für die Lektüre bloßer Unterhaltungsliteratur als für Studiumsbücher, bringt mir mein Sohn Pablo das ernstdokumentierte Werk von Herrn Dr. Alberto Sarramone, betitelt Deutsche in Argentinien: Einwanderung, jüdische Flüchtlinge und Nazis bei Perón, das vor weniger als einem Jahr in Buenos Aires veröffentlicht wurde.

Es ist nicht das Erste, das der Autor der Ansiedlung europäischer Bevölkerungskontingenten auf argentinischem Boden widmet. Diesmal bezog er sich besonders auf jene, die aus Ländern deutscher Sprache kamen, oder, wären sie von woanders gekommen, immer noch ihre Sprache beibehielten. Von Bearneser Abstammung, geboren in einem kleinen Ort der Provinz von Buenos Aires, wuchs Sarramone in der Stadt Azul auf, wo seine Schulzeit anfing; dann übte er auch dort seinen Beruf aus, wurde an der Mittelschule Lehrer und beteiligte sich an politischer Tätigkeit, bewahrte aber immer die lobenswerte Objektivität und die Toleranz, die mit seiner demokratischen Gesinnung in Vereinbarung gebracht werden konnten, und sich somit in seinen Schriften reflektierten.

Statt sich in der bunten Mehrtönigkeit der verschiedenen Themen zu zerstreuen, unterwirft er sich jene durch die Zügel der sorgfältigen Information, einer guten Erzählerkunst und einem einteilenden Rahmen, Kniffe die er in den Dienst eines breiten, untersuchenden Rundblicks stellt. Schon vom Untertitel her markiert sich seine taxonomisch orientierte begriffliche Reiseroute; überall in den 360 Seiten des Buches kommen diese Informationsquellen zur Geltung, sowie auch die aufeinanderfolgenden, unterordnenden Begriffe, die zum verständnisvollen Lesens benötigt werden. So lernen wir, inwieweit die Einwanderung, die Besiedlung, die Beiträge aller Art und sogar die Misserfolge so vieler Leute und menschlicher Gruppen deutscher Sprache, die auf argentinischem Boden mobil wurden, nicht einmal ein homogenes Phänomen darstellten; sie reagierten eher auf Initiativen und Strömungen heterogener Natur, mit Teilnehmern von verschiedener sozioökonomischer Herkunft, mit ungleichem intellektuellem, kulturellem und sittlichem Niveau, diversen Fähigkeiten, Berufen, Dialekten, religiösen Glaubensbekenntnissen, Illusionen, Hoffnungen und Ängsten. So eine Vielfalt, im Ganzen, die aus einer Jahrhunderte zurrückliegenden Vergangenheit sowie dem Zusammenwirken der jeweiligen Temperamente und Kontexte entsprang.

Die nahen und weit zurückstehenden Ursachen dieser Anhäufung der deutschen Emigration, als auch die Wahl eines neuen Lebensraumes, die Einstellungen alledem gegenüber, die Einrichtungen oder Hindernisse für die Zulassung und Anpassungsmaßnahmen in den Zielländern, werden in diesem Buch weitläufig behandelt. Es identifiziert auch die Merkmale der Einwanderungspolitik Argentiniens, entworfen von der Generation der liberalen Machthaber und verkörpert in den Worten der verfassungsmäßigen Organisation des Bundesstaates in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts. Die auseinandergehenden Vorstellungen von Europäern und Amerikanern in Bezug auf die Kriterien der Staatsangehörigkeit von Personen (ius sanguinis und ius soli) werden freilich besprochen, sowie auch deren wahrscheinlicher Einfluss ideologischer Art auf die Entstehung des neueren „argentinischen Nationalismus“.

Ein Kapitel bewertet die Taten der wenigen Deutschen, die in den Reihen der frühen Eroberer des Río de la Plata-Territoriums kämpften, sowie die der Jesuiten von deutschem Ursprung, die in den „Reduktionen“ mitgearbeitet haben. Darauf folgt auch die Erkundung der Spuren deutscher Militärs hierzulande, in den Schlachten um unsere Unabhängigkeit oder in den hiesigen Bürgerkriegen, unwichtig schon ob sie in Europa für oder gegen Napoléon ins Feld gerückt waren, sowie auch von denjenigen die aus dem Kaisersheer Brasiliens zu den argentinischen Streitkräften übergelaufen sind.

Zahlreiche Informationen untersucht oder kompiliert der Autor; viele davon erkennen die Leistungen der Kaufleute, Handwerker und deutschen Landwirte in den Zeiten unserer institutionellen Staatkonsolidierung, wobei der Beruf, die Herkunftsregion und womöglich die kirchliche Angehörigkeit einer jeden Familie aufgezeichnet werden. Eine große Aufmerksamkeit wird den Studien der landwirtschaftlichen Kolonisation im argentinischen Gebiet zuerkannt, wo die Deutschen nur selten die Mehrheit ausmachten, aber oft die fleißigsten waren. Dann wendet sich der Author denjenigen Kolonien zu, die von Deutschstämmigen besiedelt waren, und klassifiziert sie nach Gattungen, entsprechend den Provinzen worin sie lagen (Santa Fe, Entre Ríos, Buenos Aires, Córdoba), sowie auch in jenen der so genannten „nationalen Hoheitsgebieten“ (territorios nacionales) bevor sie den Status der „autonomen“ Provinzen erhielten. Ohne übrigens den wichtigen menschlichen und kulturellen Beitrag zu vergessen, der aus Russland und anderen Osteuropäischen Staaten kommenden Deutschsprechenden, meistens katholischen Glaubens, im Allgemeinen aber unrichtig unter dem Namen „Volgenser“ oder Wolgadeutsche abgedeckt. Davon kamen viele über Land oder im Binnenschiffsverkehr aus Brasilien, wo sie in Arbeits- und Lebensbedingungen eine erste Anpassung an südamerikaniche Verhältnisse erfuhren, bevor sie dann in der Provinz Misiones ihre endgültige Wohn- und Arbeitsstätte fanden.

Dann übernimmt Sarramone auch die schwierige Aufgabe der Quantifizierung (je nach Jahrhunderten, Jahrzehnten, oder einer anderen Art der Periodisierung) der deutschsprachigen Einwanderung, sowie nach Herkunft, Beruf und Glaubensbekennung derer, die lebenslang oder vorübergehend ihren Wohnsitz in unserem Land festlegten; darin stützte er sich besonders auf Untersuchungen in argentinischen und europäischen dokumentarischen Quellen, die er sorgfältig aufsuchte. Diese Textabschnitte werden nie langweilig, da sie angereichert wurden durch Anekdoten und Trivia, welche die Aufmerksamkeit des Lesers ständig anspornen.

Berichtet wird ebenfalls über den deutschen kulturellen Einfluss in Argentinien, an der Hand von Lehrern, Wissenschaftlern, Journalisten, Schriftstellern, dem Klerus, der militärischen Berufsoffiziere, sowie zahlreicher Verbände für Gymnastik, Bildung und sozialer Hilfsleistungen. Ein wichtiges Kapitel bezieht sich auf den Beitrag deutsch-jüdischer Einwanderer, ihrer Vereine, Medien, Kultur und Einrichtungen der gegenseitigen Hilfe. Nie vermisst der Author, wenn es darum geht, zahlreiche Hinweise auf die ideologischen Gegensätzlichkeiten aufzuzeichnen, die zwischen deutschen Gemeinden und Personen im Takt der welthistorischen Ereignisse aufkamen. Er schilt auch mehrartige Versuche der deutschen Regierung nach 1933 und der Nazis hierzulande, unter dem Vorwand kultureller bzw. wirtschaftlicher Unterstützung das politische Leben Argentiniens zu beeinflussen, sowie auch die entsprechende Komplizenschaft argentinischer Behörden und minderheitlicher Gruppierungen mit den Nationalsozialisten, sogar nach der Niederlage 1944/45.- Ein lesenswertes Schriftstück!

Mar del Plata, den 1. Februar 2012.- Carlos E. Haller

War Utz Schmidl der Erste?

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Ulrich Schmidel

Ulrich Schmidel

Warhafftige Historien Einer Wunderbaren Schiffart welche Ulrich Schmidel von Straubing bey Brasilia und Rio della Plata gethan

Im Geplauder über Geschichte wird viel darüber gestritten, wer in bestimmter Leistung „der Erste“ gewesen sei, statt die objektiven Ursachen jenes Geschehens unter die Lupe zu nehmen. Aber im Falle von Ulrich Schmidl könnte mit Zuversicht als wahr gelten, dass er der erste schriftliche Darsteller und Berichterstatter war, der aus direkter Sicht die frühen Ereignisse der Landeseroberung und Städteerrichtung auf heutigem argentinischem und paraguayischem Boden geschildert hat. Und dies noch auf deutscher Sprache.

Strategische Erwägungen, neu geschürt durch die Heimkehr des goldbeladenen Pizarro aus Perú, veranlaßten eine Menge Projekte am spanischen Hof. So erhält auch Don Pedro de Mendoza den offiziellen Auftrag, »ir á conquistar y poblar las tierras y provincias que hay en el río de Solís, que llaman de la Plata, y por allí calar y pasar la tierra hasta llegar á la Mar del Sur« (»auszuziehen, um die Länder und Provinzen am Río de Solís, der Silberstrom genannt wird, zu erobern und zu kolonisieren, und daselbst einzudringen und über Land zur Südsee zu gelangen«). Wenn also auch zum ersten Male von Kolonisieren die Rede ist, so war für Mendoza die Haupttriebsfeder sicher der Gedanke, zur Sierra de la Plata zu gelangen, und so versteht sich seine großartige Expedition, welche für die spätere Geschichte der »Silberländer« oder »La Plata-Staaten« von höchster Bedeutung werden sollte. Über diese so wichtige Expedition sind wir vorzüglich unterrichtet durch den deutschen Landsknecht Ulrich Schmidl aus Straubing, welcher mit dabei gewesen war und nach glücklicher Heimkehr (im Januar 1554 bzw. 1555) alles sorgfältig zu Papier brachte; sein Werk bildet so die unparteiische Darstellung jener Vorgänge, von welcher aus die persönlich gefärbten Berichte der einzelnen Heerführer richtiger beurteilt werden können. Ulrich Schmidel ist daher »der erste Geschichtschreiber des Rio de la Plata“. Als er endlich nach 19jährigem Aufenthalte im Lande, einen Brief seines Bruders Thomas aus Straubing erhielt und daraufhin Urlaub begehrte, wollte ihm der Befehlshaber Irala denselben anfangs nicht gewähren, offenbar weil er den kriegserfahrenen Schmidel ungern entbehrte. Welch verwegene Kühnheit aber in diesem Manne steckte, das zeigte er in dem Entschlusse, den Weg von Asunción nach San Vicente, an brasilianischer Küste, wo eben ein portugiesisches Schiff lag, zu Lande zu nehmen. Ein einzelner Mann und 20 Indianer, wozu sich noch vier Deserteure gesellten, zog er ohne Weg noch Steg über Berg und Tal, durch dichte Urwälder und zahlreiche Sümpfe mitten durch Indianerstämme hindurch, die zwei seiner Gefährten auffraßen, 376 Meilen bis an die Küste. Sein früherer Oberbefehlshaber, Alvar Nuñez Cabeza de Vaca hatte mit 250 Mann fast denselben Weg genommen, dabei aber nahezu die Hälfte infolge der Strapazen verloren.

Das Buch von Schmidl fiel schon früh in meine Hände, auf Anregung meines Vaters; doch las ich es als einen Abenteur-Roman, so wie im Zuge der bei uns allzuwenig vorhandenen Karl-May-Erzählungen. Nur im Alter nahm ich es wieder unter die Augen und wunderte mich über seine Beschreibungsart. Man lernt daraus und hat darin zugleich seine Unterhaltung. Heute bin ich darüber erstaunt, wie verbreitet es vor Jahren besonders in Argentinien war, und wieoft es übersetzt und glossiert wurde. Dieser Beitrag verdankt sein Entstehen hauptsächlich den Untersuchungen zweier seiner Übersetzer: Samuel Lafone Quevedo und Edmundo Wernicke; besonder aber einer Broschüre des angesehenen deutschen Ethnologen und Anthropologen Robert Lehmann-Nitsche , der 30 Jahre lang in Argentinien lebte und arbeitete.

Land und Leute der Plata-Gebiete um 1536-1539

Schmidel reiste 1535 von Antwerpen nach Cádiz. »Bei ernennter Stadt Cadix sind gewest 14 große Schiff, von aller Munition und Notdurft wohl gerüst, die haben wollen fahren nach Rio de la Plata in Indiam. Auch sind allda gewesen 2500 Spanier und 150 Hochdeutsche, Niederländer und Sachsen und unser aller oberster Hauptmann, welcher mit seinem Zunamen geheißen Don Pedro Mendoza.

Unter diesen 14 Schiffen hat eins gehört den Herren Sebastian Neithart und Jakoben Welser zu Nürnberg, so ihren Factor Heinrich Paimen mit Kaufmannschaft nach Rio de la Plata geschickt. Mit denen bin ich und andere Hochdeutsche (und) Niederländer, ungefähr bis in die 80 Mann, wohl gerüst mit Büchsen und Gewehr, nach Rio de la Plata gefahren.«

Nachdem so Mendoza die Streitkräfte für sein Unternehmen in Cadix gesammelt, fuhr die Flotte am 24. August 1535 von Sevilla ab, mußte aber noch einen achttägigen, durch ungünstigen Wind veranlaßten Aufenthalt in San Lucar de Barrameda nehmen. Auf den Kanarischen Inseln blieben sie ebenfalls vier Wochen: Don Jorge Mendoza, ein Vetter des Oberbefehlshabers, der sich an Bord desselben befand, entführte nächtlich ein Mädchen und die Kanarier beschossen darauf das Schiff mit Kanonen; nur dadurch, daß der Entführer das Mädchen für seine legitime Frau erklärte und zurückbleiben mußte, wurde die Sache beigelegt; »nach dem ließen wir Don Jorge Mendoza und seine Hausfrau an Land, denn unser Hauptmann wollt ihn nit an seinem Schiff mehr haben.« Endlich geht es weiter zu den Capverdischen Inseln, zur Insel Fernando Noronha und nach Rio de Janeiro; hier ernennt der Oberbefehlshaber den Juan de Osorno, seinen »geschworenen Bruder«, zum Maestro de Campo, da er selbst »allzeit contract, schwach und krank war«, läßt ihn aber auf falsche Anschuldigung hin bald darauf töten.

Die Reise geht nun weiter in die Mündungsbucht des Río de la Plata; bei San Gabriel (heute Colonia del Sacramento) im Gebiete der Charrúas landen sie am 6. Januar 1536, suchen aber bald eine neue Stelle auf der Südseite des Golfs im Gebiete der Kerandís (März 1536); an der Mündung des Riachuelo, der damals diesen Namen bekam, »haben wir eine Stadt gebaut, hat geheißen Buenos Ayres, das ist auf deutsch: Guter Wind. Wir haben auch 72 Pferd und Stuten aus Hispanien auf den 14 Schiffen gebracht.« Es ist bekannt, daß diese Pferde sich zahllos vermehrten und in wilden Herden sich bald im ganzen Land verbreiteten. Der Name der Niederlassung, ehemals vollständig Nuestra Señora Santa Maria de Buen Ayre oder Nuestra Señora de Buenos Ayres, wurde ihr gegeben zu Ehren von »Nuestra Señora de Buen Ayre«, welcher schon vor der Entdeckung Amerikas in der Triana genannten Stadtgegend Sevillas und am Ufer des Guadalquivir ein Hospital nebst Kapelle geweiht war und deren Kultus eine »Bruderschaft der Seeleute« übernommen hatte; hatten ja Seeleute bei der damaligen Schiffahrt ein berechtigtes Interesse an günstigen Winden! Der Tag dieser ersten Gründung der Stadt ist nicht bekannt, es war etwa Mitte März 1536, (Schmiedl schreibt 1535; die meisten Jahreszahlen Schmidels müssen um ein Jahr weiter datiert werden, auf Grund der Verwirrung die die 1582 beschlossene Kalenderreform von Gregor XIII. hervorrief). Als gebürtiger „porteño“ widme ich ein besonderes Interesse diesen Teilen des Schmidelschen Berichtes, der sich keineswegs nur auf die Gründung des „Dörfleins“ Buenos Aires beschränkt.

Der Verkehr mit den Eingeborenen, den Kerandís, war anfangs friedlich; als diese aber einmal nicht ins Lager kamen, wurde der Oberrichter Pavón mit zwei Knechten zu ihnen geschickt, »hielten sich aber dermaßen, daß sie alle drei wohl abgebläut wurden und schicktens alsdann wieder heim in unser Lager«. Niemand wird somit leichtfertig annehmen, dass der Chronist das Verhalten der hochmütigen Konquistatoren gebilligt oder sogar verherrlicht habe; nur unzeitgemäβe Tadler, die sich heute mit ihren „humanitären“ Phrasen hochschmücken wollen, würden solches behaupten. xxxx

Daraufhin schickte Mendoza seinen Bruder mit 300 Landsknechten (unter ihnen auch Schmidel) und 30 Reitern gegen die Indianer mit dem Befehle, sie alle tot zu schlagen. Diese, in einer Anzahl von 4000, stellten sich derartig zur Wehr, daß sie den Spaniern sechs Edelleute mit ihrem Führer, dem Admiral Don Diego de Mendoza, und zwanzig Knechte erschlugen. Die Reiter überwanden sie vermittelst steinerner Kugeln, die an einer langen Schnur befestigt waren (Boleadoras) und mit denen sie die Pferde zu Falle brachten, die Knechte erschossen sie mit Speeren. Die Indianer ergriffen zuletzt, nachdem sie tausend der Ihrigen verloren, die Flucht und die Spanier drangen, ohne Gefangene zu machen, in den Flecken ein. Nach der Rückkehr ins Lager wurde die Mannschaft in Arbeitsleute und Kriegsleute abgeteilt. Und man bauet daselbst eine Stadt und eine erdene Mauer eines halben Spieß Länge hoch darum, und ein stark Haus für unsern Obersten, die Stadtmauer breit drei Schuh, und was man alles bauet, das fiel alles wieder ein, denn das Volk hatte nicht zu essen, starb vor Hunger, hatten also große Armut.

Die Not wurde derart, ›daß weder Katzen noch Mäuse, Schlangen noch ander Ungeziefer nit genug vorhanden waren zur Ersättigung des großen jämmerlichen Hungers und unaussprechlicher Armut, auch Schuh und Leder, es mußt alles geessen sein. Drei Spanier hatten ein Roß gestohlen und heimlich verzehrt. Durch die Folter zum Geständnis gezwungen, wurden sie alle drei gehenkt. Auf die Nacht sind andere Spanier zu diesen dreien Gehenkten zum Galgen kommen und haben ihnen die Schenkel abgehaut und Stücke Fleisch aus ihnen geschnitten zur Ersättigung ihres Hungers. Item ein Spanier aß seinen Bruder, der da gestorben war in der Stadt Buenos Aires.«

In dieser Not »sandte Mendoza den Hauptmann Luján mit 7 Fahrzeugen und 350 Mann stromaufwärts, Lebensmittel von den Indianern zu holen; aber diese verbrannten ihre Wohnstätten und Lebensmittel und flohen davon, so daß Luján ohne jeden Erfolg umkehren mußte, nachdem er die Hälfte seiner Leute durch Hunger verloren.

Da… erschienen plötzlich 23 000 Indianer von den Stämmen der Kerandís, Guaranís, Charrúas und Chaná Timbús vor der Stadt, schossen mit brennenden Pfeilen die strohgedeckten Lehmhütten in Brand und liefen Sturm gegen die Stadt. Es gelang ihnen sogar, vier Schiffe, die eine Meile vom Ufer vor Anker lagen, in Brand zu schießen, so daß sie von der bestürzten Besatzung verlassen werden mußten. Erst als die Schiffskanonen gegen sie abgefeuert wurden, zogen sie ab, nachdem sie dreißig Europäer erschlagen.

Daraufhin wurde beschlossen, die Unglückstätte zu verlassen. Mendoza übergab den Oberbefehl dem Don Juan Ayolas, der eine Musterung hielt, wobei sich von den 2500 Mann nur mehr 560 am Leben erwiesen, alle übrigen waren durch Hunger umgekommen! Ayolas ließ 180 bei den vier großen Schiffen unter Juan Romero mit Proviant zurück, er selbst und mit ihm Mendoza fuhr auf Brigantinen 84 Meilen weit den Strom hinauf zu den Timbús… Vier Jahre lang blieben sie in Buena Esperanza, also von 1536 bis etwa 1539; während dieser Zeit beschloß Mendoza, der vor Schwachheit weder Hände noch Füße rühren konnte und wohl am Erfolge der Unternehmung gänzlich verzweifelte, nach Spanien heimzukehren. Mit zwei Schiffen und 50 Mann trat er die Rückfahrt an, aber ungefähr auf halbem Weg ›da griff ihn Gott der Allmächtige an, daß er armselig starb, Gott sei ihm gnädig!«.

Ayolas fuhr auf Mendozas Befehl den Paraná und Paraguay hinauf, überall von den Indianern freundlich aufgenommen und mit Lebensmitteln unterstützt; dann ließ er Domingo Martínez de Irala zurück, der auf ihn warten sollte, während er selber nach Westen zur »Sierra de la Plata« aufbrach, geführt von einem Indianer. Mendoza, der damals noch in Buenos Aires weilte, schickte den Juan de Salazar aus, um Nachrichten den Ayolas betreffend einzuholen. Salazar traf auch den wartenden Irala und kehrte wieder flußabwärts zurück und auf der Heimreise gründete er am 15. August 1537 neben dem Indianerdorfe Lambaré ein Fort, genannt Nuestra Señora de Asunción.

Ende des folgenden Jahres (1538) kam aus Spanien ein Gesandter mit der Nachricht vom Tode Mendozas und dem Auftrage, die Conquistadores sollten selber einen Führer wählen, falls Mendoza vor seiner Abreise keinen solchen ernannt hätte. In Asunción vereinigten sich nun die hauptsächlichsten Persönlichkeiten; es kam auch Irala herunter und zeigte eine von Ayolas ausgestellte Vollmacht, wonach ihm die gleichen Befugnisse zuerkannt wurden, die er selber besaß (Juni 1539). Alle mußten ihn daraufhin als Führer anerkennen.

Die »Warhafftige und liebliche Beschreibung etlicher furnemen Indianischen Landschafften und Insulen, die vormals in keiner Chronicken gedacht, und erstlich in der Schiffart Ulrici Schmidts von Straubingen, mit großer gefahr erkundigt, und von ihm selber auffs fleissigst beschrieben und dargethan« (zum ersten Mal gedruckt Frankfurt a. M. 1567) wird von den Geschichtschreibern hochgeschätzt. Wir kennen etwa 20 verschiedene Ausgaben; übersetzt wurde sie schon sehr früh ins Lateinische, später ins Holländische, Französische, Englische, Spanische. Letztere Übersetzung, von 1742, wurde 1836 von Angelis in seiner berühmten Sammlung in Buenos Aires wieder aufgenommen, welche 1901 zum Teil neu gedruckt wurde. Pedro de Angelis bezeichnet das Buch als »das erste Denkmal unserer Geschichte und die einzige Quelle, aus der alle die schöpfen müssen, welche die ersten Schritte der Europäer in diesen fernen Gegenden verfolgen wollen«; den Verfasser charakterisiert er als den »escritor más circunspecto de su época« („den ernsthaftesten und gemäβigsten Schriftsteller seiner Zeit“).

Vorliegender Beitrag entspricht keinen akademischen Ansprüchen; er gründet auf einer übersetzten und akritischen Leserausgabe. Sein zuverlässigster Rückgrat ist die oben erwähnte Arbeit von Lehmann-Nitsche, dem für das Aufkommen gewisser Übertragungsschwierigkeiten in diesem Post keine Schuld zusteht. Vielleicht besteht noch in der Umgebung von Buenos Aires eine Grundschule die den Namen Utz Schmidl trägt. So mögen die Deutschen in Mar del Plata sich auch ihres Landsmannes entsinnen und die vorliegenden bescheidenen Zeilen als Anregung in weiterdenkende Kreise tragen! – C.E. Haller – Mar del Plata, 18.1.2012

Goethes Weihnachtsbrief 1772

Kindergeschichten zu  Weihnachten gibt es viele. Einige davon sind den Weihnachtsliedern zu entnehmen, darunter Ihr Kinderlein kommet und vielen anderen.  Auch gibt es gute Erzählungen mit Weihnachtsthemen für jugendliche und erwachsene Leser, darunter sogar die bekannten von B.Brecht und H.Böll. Ihrer Länge wegen könnte ich sie womöglich ein anderes Mal hier vorlegen, wenn auch nicht im vollen Text wiedergeben.

Man hat auch öfter schöne Briefe zur Weihnachtszeit gelesen, die manchmal persönliche Erlebnisse vermitteln oder verraten. In diesen Tagen (Dez. 2011) fand ich einen, den ich mit unseren Stammtischlern

teilen und gemeinsam geniessen möchte. Werde auch versuchen, ihn zu übersetzen. Bitte um Entschuldigung für das Fehlen des Eszet.

            Johann Wolfgang von Goethe an Johann Christian Kestner –  (Am Weihnachtsmorgen 1772)

http://www.weihnachtsideen24.de/weihnachtsgeschichten/weihnachtsgeschichten2.html

Frankfurt, den 25. Dezember 1772
Christtag früh. Es ist noch Nacht, lieber Kestner, ich bin aufgestanden, um bei Lichte morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen lassen, den Festtag zu ehren, und will euch schreiben, bis es Tag ist. Der Türmer hat sein Lied schon geblasen, ich wachte darüber auf. Gelobet seist du, Jesus Christ! Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder, die man singt, und die Kälte, die eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt. ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen, und da ist mir’s fürs Enden nicht angst.

Der Türmer hat sich wieder zu mir gekehrt; der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern, lieber Kestner, war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande; unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrei und Gelächter von Anfang zu ende. Das taugt sonst nichts für de kommende Stunde. Doch was können die heiligen Götter nicht wenden, wenn’s ihnen beliebt; sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend, als wir zurückgingen; es ward Nacht. Nun muß ich Dir sagen, das ist immer eine Sympathie für meine Seele, wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen heraus nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von Abend herausleuchtet. Seht, Kestner, wo das Land flach ist, ist’s das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer stundenlang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wanderungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beiden Seiten, der stilleuchtende Horizont, der Widerschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele, den ich mit beiden Armen umfaßte. Ich lief zu den Gerocks, ließ mir Bleistift geben und Papier und zeichnete zu meiner großen Freude das ganze Bild so dämmernd warm, als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber, empfanden alles, was ich gemacht hatte, und da war ich’s erst gewiß, ich bot ihnen an, drum zu würfeln, sie schlugen’s aus und wollen, ich soll’s Mercken schicken. Nun hängt’s hier an meiner Wand und freut mich heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen, wie Leute, denen das Glück ein großes Geschenk gemacht hat, und ich schlief ein, den Heiligen im Himmel dankend, daß sie uns Kinderfreude zum Christ bescheren wollen.

Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah, dacht ich an euch und meine Bubens, wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein himmlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde. Hätt ich bei euch sein können, ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminieren, daß es in den kleinen Köpfen ein Widerschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte. Die Torschließer kommen vom Bürgermeister und rasseln mit den Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über des Nachbarn Haus, und die Glocken läuten eine christliche Gemeinde zusammen. Wohl, ich bin erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich lang nicht so lieb hatte als jetzt.

 Goethe war zu jener Zeit 23 Jahre alt, bekam die besten Lehrer ins Haus, hatte auch schon in Strassburg studiert und war geistig sehr begabt. In seine Geburtsstadt zurückgekehrt, arbeitete er mit Herder an dem Sturm und Drang-Manifest und schuf seine Anfangswerke: Gedichte, und bald darauf den Götz von Berlichingen (1773) und den Werther (1774). Dann lernte er auch Charlotte Buff kennen, die mit Goethes Freund Johann Christian Kestner verlobt war. Goethe verliebte sich vergebens in sie und stand dann Pate zur Buffs und Kestners Hochzeit.

„Torschliesser“ und „Türmer“ waren in diesen Jahren noch Ämter der Stadtverwaltung, die an jahrhundertealte Festungsanlagen und Verteidigungseinrichtungen erinnerten. Also können wir nur schwer den Türmer mit einem Glöckner (eines Kirchenturmes) verwechseln, zumal er nicht „läutete“ sondern „bliess“.  Alldieses müsste uns natürlich von einem sachkundigen Frankfurter bestätigt oder widerlegt werden. Frohes Weihnachtsfest!

     Mar del Plata, Dezember 2011                                               Carlos E. Haller

Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

THEATER IN MAR DEL PLATA

espanol: http://derdeutschsprachigestammtischmardelplata.com/?p=958

 AUS DEUTSCHSPRACHIGER EINGEBUNG

An der Oberfläche der Hauptinteressen die Mar del Plata durchströmen, zeichnen sich kleinere Wirbelbewegungen ab. Oft drehen sie sich kreisend und rasch in unserem gasförmigen Medium, als ob sie durch hektische, verwirrende, aufeinanderfolgende Rhythmen den Anschein einer produktiven Tätigkeit vortäuschen möchten. Darunter befinden sich manche Sprachen- bzw Ländergruppen, die ihr Bestes darzubieten suchen aber meist im Sumpf der gegenseitigen Varachtung ersticken.

 Vereine italienischer, spanischer, baskischer Herkunft und ihrer Nachkommen entgehen noch dem Schicksal der Verödung, da sie ihrer “kritischen Masse” verdanken, Erfolge zu kristallisieren, aus eigenen Ressourcen oder jeweiliger Ursprungs-Staatshilfen die Mittel zu derer Vergrößerung und wenigstens ihres Überlebens zu erhalten. Wir Deutschsprechenden können wenigstens verzeichnen, dass es im marplatenser Raume eine amtlich anerkannte “Deutsche Schule” gibt. Die staatliche Universität unterhält in ihrem Bereich ein mit sehr guten Lehrkräften besetztes “Sprachen-Labor”. Andeutungen zur Bildung eines kleinen Volkslieder-Chors, unter Anleitung von Ingrid Ostrowski, bringen uns in Kontakt mit deutscher Musik und Dichtung. Winzige informelle Lerngruppen bilden sich nach Bedarf und lösen sich zum Jahresende meist wieder auf. Jeden Freitag treffen sich sogar, auch in der Sommersaison, die Teilnehmer eines konsolidierten Stammtisches. Es ist kaum zu verwundern, wenn aus dieser zersplitterten Plattform nur ein geringer Einfluss der Deutschsprachigen auf das kulturelle Leben der Stadt zu verzeichnen ist.

 Manchmal geschehen solche Einflüsse auf ganz indirekten, unbeabsichtigten Wegen; kaum mehr von Deutschsprechenden erzeugten, doch aber in Anlehnung an deutsche kulturelle Überlieferung. Um diese Tage (Mitte August 2011) berichtete uns der hiergeborene Schriftsteller, Schauspieler und Bühnenregisseur Julio Lascano, dass eines seiner Stücke – die Komödie El sueño de la casa propia [Der Traum des Eigenheimes] – demnächst im Theaterraum der Alliance Française seine Erstaufführung erfahren wird. Das Besondere dabei, mit Hinblick auf die vorhin geschriebenen Sätze, liegt in dem aussergewöhnlichen Umstand, dass es die zweite einer H-Trilogie ist, dessen Bezugswörter auf Werke dreier verschiedener deutschsprachiger Dichter oder Denker hinweisen. Der Anfangsbuchstabe der Nachnamen eines jeden von ihnen war ausgerechnet H (auf Spanisch, der lautlose Konsonant).

Das hier vorangesagte Bühnenstück schöpft aus einem Vortrag Martin Heideggers über Die Sprache, ein Thema, das uns als Deutsch-Argentinier kräftig anziehen dürfte. Des Denkers Vorlesung befasst sich zwar mit der Sprache als menschliche Ureigenschaft, untersucht und analysiert aber dabei ein Gedicht von Georg Trakl, das sich unter dem Titel Ein Winterabend in der 2. Fassung folgendermaßen zu lesen ist:

 Wenn der Schnee ans Fenster fällt,

Lang die Abendglocke läutet,

Vielen ist der Tisch bereitet

Und das Haus ist wohlbestellt.

 

Mancher auf der Wanderschaft

Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.

Golden blüht der Baum der Gnaden

Aus der Erde kühlem Saft.

 

Wanderer tritt still herein;

Schmerz versteinerte die Schwelle.

Da erglänzt in reiner Helle

Auf dem Tische Brot und Wein.

 aus: Georg Trakl, DAS DICHTERISCHE WERK; -DTV, München 1972-1977

 Über die Sprache ihr gebührend nachzudenken – denkt Heidegger – ist, ihrem Sprechen (also dem Logos) den Vorrang einzuräumen. Genauso – meinen wir – wie es mit der Poesie bzw. Dichtung zu handhaben gilt, wo die Sprache noch eine durchleuchtetere Veredelung erfährt. Aber schon lediglich als “Ausdruck”, nicht zuerst als Kunst, sprechen die Menschen ihre Ansichten und Überzeugungen aus, über das Wahre und das Falsche, das Traurige und das Lustige des Lebens. Deswegen ist die Erörterung der Sprache, bestehe sie auch nur aus Gebärden, genau am Platz wenn es um Theater, um Darstellung geht. Diesbezüglich möchten wir dem Verfasser und Regisseur Lascano den Vorrang überlassen, sobald das Stück auf der Bühne oder im Druck erscheint. Dann ist er der wahre Urheber seiner Komödie. Bis dahin verweile ich gern beim Gedicht selbst, das auf dem schöngestalteten Programmblatt – bis auf einen Vers – fast komplett zu lesen steht.

 Der Autor Trakl verschwindet hinter dem Gedicht. Es bedarf nicht, etwas über ihn zu wissen um das wörtlich genommene Gedicht zu “verstehen”; sonst wären tausende Zeilen anonymer Verse und Prosawerke nicht im Goldinventar der Kultur aufzunehmen. Wäre Poesie “nur” Ausdruck, so gäbe sie – in ihren “anonymen” Erscheinungen – einen unbekannten und auf die Leere reduzierten angeblichen Ausspruch wider. Aber “Ausdruck” setzt die Annahme voraus, dass einem inteligenten oder wenigstens gefühlsmässigen Lebewesen etwas “auszupressen” wäre; vielleicht sogar dass es in voller Absicht, als Schöpfer (also einer “Poesies” fähig) aus seinen Freuden, Leiden und Erkenntnissen seine persönlichen Anliegen “ausdrücken” wolle. Daraus könnte man schließen: das wichtigste in der Dichtung sei der Ausdruck, nicht die Bedeutungen die ihre Sprache beinhaltet. Somit könnte es keine Poesiedeutung geben, wenn wir vom “ausdrückenden” Menschen garnichts wüssten.

Lassen wir aber “die Sprache allzuerst sprechen”, dann wäre der Schöpfer (der Autor), also seine Biografie, seine Gefühle, Leiden, Gedanken usw. für uns Leser oder Hörer nicht das entscheidende Merkmal. Besonders nicht, wenn das erzeugte Werk, aus wenig erkennbaren Gründen, im Stil und im Ton des unpersönlichen gehalten wird, so wie es im oben abgeschriebenen Gedicht der Fall ist. Die in diesen zwei letzten Abschnitten aufgestellten Erwägungen sind keineswegs, weder wörtlich noch gedanklich, in die Schuhe Heideggers zu schieben; viel weniger dem Gedankengut Trakls zuzuschreiben. Es sind vielleicht nur logische Schlüsse, die man aus Ausführungen des Messkirchner Denkers ableiten kann.

 Versuch eines Textkommentars

 Strukturkommentare wären hier überflüssig, dienten sie nicht als dürftige Verweismittel beim Glossieren. Es sind drei Strophen, jede hat vier achtfüßige Verse, das Vokabular entspricht der Alltagssprache und scheint allen zugänglich; prosaische Untersuchungen bleiben uns hier fern.

Der Schnee des ersten Verses appelliert (klopft) ans Fenster eines vielleicht nicht wohlhabenden, doch aber wohlbestellten Hauses, zugleich an des Lesers Vorstellung der kalten Jahreszeit. Kein Empfänger jener Eindrücke: des Schneefallens, des langen Abendglocke-Läutens, wird genannt, aber Vielen ist der Tisch bereitet, als ob es sich um ein Verkündigungsmahl handele, das durch ein Wunderereignis aufgetragen wurde.

 Auch ungeladen kommt noch Mancher ans Tor, der auf dunklen Pfaden auf der Wanderschaft war. Man kennt ihn nicht, aber trotzdem blüht ihm der golden Baum der Gnaden– nicht aus menschlichem Mitleid, sondern aus der Erde kühlem Saft, also aus aussermenschlicher, sozusagen kosmischer Gunst. Die Worte des Gedichtes, durch Lesers Vermittlung, rufen diesmal, in der zweiten Strophe, ein uraltes Symbol des mythischen Fortlebens an: den goldenen Zweig. Dieser erscheint auch in einigen, zum Teil sagenhaften Erzählungen des Altertums, wo er als Vorbote eines erfolgreichen Erbarmengesuches auftaucht; z.B. im VI. Buch der Aeneis, als der trojanische Held und Flüchtling die Höllen-Göttin Proserpine um die Gnade bittet, seinen verstorbenen Vater noch einmal sprechen zu dürfen (siehe auch James Frazer, The Golden Bough).

 Die dritte Strophe bietet mir die Stirn, indem sie die schönsten aber schleierhaftesten Verse enthält. Sie lassen mehrere Deutungen zu, und wer die meisten Hypothesen herauslesen kann, der erhält daraus seinen einzig gültigen poetischen Genuss. Den Autor können wir höchstens im Innern dieses Gedichtes und in seinem ganzen Werk darüber befragen.

 Dem unklar umrissenen Wanderer wird zugerufen, er solle still hereintreten (ins Haus, zum reichbereiteten Tisch). Bedeutet hier still “ohne anzuklopfen”, ohne Rufe noch Geräusche, wie es dem fast geheiligten Raume gebührt; oder vielleich “ganz einfach, ohne weiteres”? Und wer versichert mir, dass dieser Vers ein Vokativsatz bildet, also einen Ruf oder eine Anregung enthält? Kann er womöglich einer Tatbeschreibung gleichkommen und so das Subjekt im Nominativfall zu lesen wäre, sowie das Verb im Präsens des Indikativs stünde?

 Noch geheimnisvoller klingt Schmerz versteinerte die Schwelle. Wessen war jener Schmerz, der aus vergangener Zeit die Versteinerung der Schwelle – warum nicht auch der Herzen – vollzog? Ausserdem, ist eine steinerne oder verhärtete Schwelle nicht gerade die Vorbedingung damit sie die Torpfosten nicht zerbrechen? Jeder kann darangehen um die Frageliste zu erweitern, hoffentlich auch um bessere Hypothesen aufzustellen.

 Der Ausklang des Gedichtes bringt nochwieder die übernatürliche Färbung des Ganzen zutage, indem die Anspielungen auf religiöse und sittliche Einrichtungen des Abendlandes (Haus, Tempel, Wanderer, Abendmahl) aus Hörers und Lesers Sicht in verschiedene Richtungen aus der Sprache selbst gedeutet werden können – ohne Befragung des nunmal bekannten, nicht aber vorhandenen Autors. Da die Gegenstände nur in wenigen Rissen und Handlungen aufgezeichnet sind, bieten sie eher eine unpersönliche Atmosphäre in der die Barmherzigkeit und Gnade die echten Rollendarsteller bilden, während das abstrakte Draußen des Schneefalls und des wandernden Pilgers mit dem Inneren über die Schwelle des Schmerzens in Wechselwirkung geraten.

Unserem jungen Autor und Spielleiter wünschen wir Erfolg seit der ersten Vorführung seines Werkes. Es freut mich, dass er aus deutschsprachigen Quellen geschöpft hat und nicht darin ertrunken ist: darauf wird auch der Antrieb seiner Neuschöpfung bestehen, wenn das gesprochene und dargestellte Wort zur eigener Geltung kommt.-

CARLOS E. HALLER, 17. August 2011.