Bierhaus Munich de la Costanera Buenos Aires

MunichIn Anlehnung an La Munich de la Costanera Der deutschsprachige Stammtisch, Munich de la Costanera

Wenn der gute Wille und die Geduld von den Betreibern des Blogs deutschsprachiger Stammtisch, Axel und Doris, eine knappe Ergänzung  des  Beitrags über das Thema „Bier in Argentinien“ erlauben, möchte ich noch etwas dem im April ds. Js. veröffentlichten Artikel zufügen feiertag-des-deutschen-bieres/comment-page-1/#comment-6555 . Diesmal zwar nicht über die Herstellung und industrielle Fabrikation des edlen Getränks, sondern vielmehr betreffs dessen Vertriebs, Ausschank und Heranziehung von größerer Kundschaft hierzulande.

Während in Südamerika die wichtigsten Brauereien mit modernen Fabriken, guter Belegschaft und gelernten Brauingenieuren langsam heranwuchsen, galt es auf der anderen Seite den Verkauf und den Konsum des Produktes zu steigern, was nicht immer bei der einheimischen Bevölkerung leicht vor sich ging. Deshalb schien es wichtig, zwischen Herstellung und Hausabsatz die Errichtung von öffentlichen Ausschankstellen zu gewährleisten, damit der vorbeigehende oder gelegentlicher Durstige – vielleicht auch der zum Speisetisch oft kommende – das Hopfen- und Malzerzeugnis näher kennenlerne. Die Konkurrenz mit Durstlöschern bzw. Tafelweinen schien anfangs kostspielig, doch bald erwies sich Bier als ein gleichberechtigtes Produkt im Getränkemarkt.

Um diesen Werbungsprozess zu beschleunigen, trug die private Initiative sowie ein gewisser Kapitalienzuschuss der Brauereibranche dazu bei, in den größeren Städten Argentiniens Bierlokale zu eröffnen. Dort konnte man einen oder mehrere Schoppen zu sich nehmen und dazu eine kleine kalte Mahlzeit (den sogenannten Imbiss) verzehren; Gewohnheit die sich auch öfter zu einer regelrechten Hauptspeise entwickelte, mit Gästen, Gängen und Vorzüglichen Gerichten. Beim Rande sei erwähnt, dass der Ausdruck „Schoppen“ wahrscheinlich aus dem Deutschen schöpfen stammt, dann im Französichen chaupine Aufnahme fand und von dort wieder ins Oberdeutsche entlehnt  wurde. An die Plata-Fluss Gegend kam das Wort als „chop“ bzw. „chopp“ und bezeichnete zugleich, wie auf Deutsch, das Gefäß und sein Bierinhalt. Doch um „ein Bier“ zu bezeichnen sagen wir im Porteño-Jargon meistens una birra (ganz Italienisch, ob im Glas oder  Flasche), während bei einer korrekteren Erwähnung eines jeden Maßes bzw. der verschiedenen Glasformen,  spezifische  Bezeichnungen verwendet werden müssen . In Spanien und seinen Regionen gibt es auch noch anderes Vokabular als das am Plata übliche.

In Argentinien unterscheiden wir natürlich hausgebrautes, Flaschenbier und Bier vom Fass. Die meisten Bierschenken verkaufen dieses letzte in Gläsern oder in Krügen, dann benennt man dessen Inhalt als „cerveza suelta“ bzw. „tirada“ (vom Fass gezogenes). Und je nach Grösse und Form des Glases ——

Bierglas BalonBalón: ründliche Form, oft “copa noruega” genannt, zwischen 330 und 500 kcl .

BierkrugChopp: der typisch “deutsche Krug”, meistens 330 kcl enthaltend .

Liso WeizenbierglasLiso:  ein hohes Glas, das nach oben etwas breiter wird. Öfter im Landesinnern zu finden. In der Provinz Santa Fe gibt es sogar ein Regionalfest mit dieser Bezeichnung. Enthält ungefähr 250 kcl, wenn aber grössere dieser Glasformen auf den Tisch kommen, werden sie  “Imperial” genannt . Für Halbkinder, die etwa ihren Vater in die Schenke begleiteten, gab es einen kleineren und hiess “cívico”.

pinta "Guinness" GlasPinta (eine Pinte oder Pint, evtl. halbe Pinte). Wurde in Pubs und  modernen Trinklokalen eingeführt, ist aber heuzutage überall zu sehen. Enthält ca einen halben Liter.  

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Einige der wichtigsten o.E. Bierlokale erhielten den Seriennamen „Munich“, mit der hinzugefügten  Angabe des Stadtviertels, in dem sie lagen: „Munich Palermo“, „Munich Boedo“, „Munich Constitución“, „Munich Belgrano“… und freilich auch „Munich de la Costanera“. Das zuletzt Erwähnte stand in der Mitte einer Parkanlage (Paseo de la Costanera), die nach Erbauung des Hochseehafens in Bs. Aires (ab 1882)   in der Nähe des rasch urbanisierten Flussufers  eingerichtet wurde. Keineswegs war es ein billiges Lokal, wurde aber an Sommertagen und  –nächten reichlich besucht von Menschen aller Gattung und Beruf, die dort plauderten und ihr Bierchen tranken. In Sonderräumen und auf der Terrasse dieses ein schickes Kleinpalast nachahmende Gebäude (siehe Bilder!) konnte auch zugleich ein Bankett oder eine Vereinssitzung stattfinden, die mit der Menge des großen Saalraumes kaum in Berührung kamen. Obwoh dieses die wachsende Verteuerung des Lokals hervorrief, war es hie und da immer noch für Arbeiter oder Angestellte zugänglich. Als ich Kind war und mein Vater noch seine bescheidene Stelle an der Siemens-Vertretung innehatte (bis 1945), brachte er meine Mutter und mich zweimal in jenes prachtvolle Lokal um es von innen bewundern zu können, während wir  Würstchen mit Sauerkraut  aßen und dazu ein Bierchen herunterschlürften.

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Die schöne Erinnerung verdient vielleicht etwas akkurater und sachlicher behandelt zu  werden. Wie es viele wussten und manche schon vergessen haben, liegt die Stadt Buenos Aires direkt am Ufer des breiten Rio de la Plata, unserem verpönten „Silberfluss“, der je nach Windrichtungen und abwechselndem Rythmus von Ebbe und Flut halb trocken fällt oder überläuft, somit auch wechselartige Farben aufweist, aus denen sich jeder Dichter dieser Landschaft seine beliebige als immergültige  hervorhebt: z.B. Leopoldo Lugones diejenige eines Löwensfells [„el río color de león“].

Obschon es sich um den „breitesten Fluss der Welt“ handelt, konnte die Hauptstadt kaum ein  Ruhmargument aus dieser Tatsache herausfischen, bis dann 1882 die damalige Regierung ein aufwändiges Projekt billigte, um das ganze Ufergelände zwischen Avenida Córdoba und dem Riachuelo mit Schutt und Erde ausfüllen zu lassen. Zwischen der daraus entstandenen Kunstinsel und das bisherige Festland kamen vier ausgemauerte Landungsdocks zur Aufnahme der Frachter und sonstiger Hochseeschiffe.  Auf der neuen, dem Fluss zugewandten Schuttküste wurde dann – um 1918/19 – der „Balneario de la Costanera Sur“ eingerichtet, eine öffentliche Badeanstalt („balneario de los pobres“) wo im Sommer der „nicht wohlhabende“ Teil der Stadbevölkerung die Sonne, das „noch saubere“ Flusswasser und die „guten Lüfte“ von Buenos Aires genießen konnten. Zwischen dem „Balneario“ und den Fahrstraßen der Stadt entstand dann eine große Parkanlage, wo Bäume und Gärten angepflanzt und einige Gebäude errichtet wurden, darunter auch das hier zu besprechende Gasthaus „Munich“ – ,  seiner Lage wegen mit dem Beinamen „de la Costanera“  genannt.

Unter der Anregung und Leitung  des ungarischen Architekten Andreas Kálnay, mit finanzieller Unterstützung des katalanischen Unternehmers Ricardo Banús, wurde das Bauwerk 1927 angefangen und genau vier Monate und 8 Tage danach beendent. Viele der dazu erforderlichen Baustoffe wurden auf gleicher Stelle zubereitet. Manche Stilkritiker beurteilen das Werk als „eklektisch“ oder „zusammenmontiert“; andere, als den Ausfluss eines schäbigen Art-Decó. Die Terrassen sollten die ursprünglichen Münchener bzw. Nürnberger Biergärten nachahmen.

Bei Nacht konnte man das Lokal von weitem gut beleuchtet sehen. Es hatte auch eine schöne Aussicht auf den dunklen Río de la Plata, wo die großen Dampfer leider nur sehr weit von der Küste entfernt vorbeifuhren, da sie sich im Kurs der ausgebaggerten Kanäle fortbewegen mussten. Während des Abendessens im geräumigen Speisesalon spielte ein kleines Damenorchester  Wiener Walzer oder die letzten Erfolgsmelodien. Die Küche war nicht schlecht und die Gefrierkeller fürs Getränk konnten sich anfangs in ihrer Größe getrost mit den meisten Gefrierkammern der Fleischexport-Industrie messen. Die ornamentalen Glasfenster , die Lampen, die Geländer und das Geschirr entsprachen der persönlichen Fantasie des Architekten Kálnay. Es gab auch Skulpturen, die deutsche Krugträgerinnen darstellten, Schweins- und sonstige Tierköpfe aus Stein oder Holz, besonders aber Plastiken die den Steinbock darstellten. An den Süd- und Nordfassaden des Baus standen je sechs Männerfiguren aus Stein, von denen  jede einen Buchstaben trug und somit das Wort  MUNICH  bildeten. Sie wurden von einem deutschen Bildhauer kreiert, dessen Namen ich vergessen habe.

Ende der 70ger Jahren des 20. Jahrhunderts verschlechterten sich die argentinischen Verhältnisse in mancher Hinsicht; auch in Sachen Sicherheit. Wenige wagten sich nach Sonnenuntergang in die Parkanlage, wo das „Munich-Costanera“ stand. Die Kundschaft des Bierlokals schrumpfte zusammen, das Gebäude wurde von seinen Inhabern bzw. Pächtern verlassen, die Stadtbehörden mussten es übernehmen und gaben es 1979, samt 5.000 qm. Park, für 20 Jahre in die Obhut eines Staatlichen Unternehmens, zur Einrichtung eines Museums. In Bs. Aires wohnende Leser dieser Seite wissen vielleicht besser Bescheid, was heute daraus  geworden ist.

Mar del Plata, Ende September 2013                          Carlos Haller

…Und bitte,  eine Video, anstelle von Bildern

Encuentro del Stammtisch todos los viernes / Stammtischtreffen jeden Freitag - 17:30 - Primacy Apart Hotel , Santa Fe 2464, Mar del Plata

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